|
Irgendwann während des
langen Winters wurde die Idee für eine weitere Kanutour auf
einem abgelegenen Flüsschen geboren, und so machten wir uns
bald daran, Karten zu studieren und von Einheimischen
Informationen und Meinungen einzuholen. Informationen waren
zumindest über den oberen Teil des Flusses kaum brauchbare
zu finden, nur einige ältere Indianer erinnerten sich noch
vage, wie ihre Väter früher gelegentlich dort draussen Biber
gejagt hatten. Über den Unterlauf und seine Stromschnellen
konnte uns der lokale Pilot immerhin recht detaillierte
Angaben machen, da er schon einige Male Leute mit Rafts auf
diesem Fluss abgesetzt hatte.
Dafür bekamen wir umso
mehr verschiedene Meinungen betreffend der Machbarkeit
unseres Vorhabens zu hören, die natürlich alles von
'unmöglich' bis hin zu 'no problem' einschlossen. Besonders
die Wanderung zum geplanten Startpunkt schien ein grösseres
Problem darzustellen, wenn nicht die grösste Schwierigkeit
überhaupt. Ungefähr 100 km weglose und nasse Tundra standen
uns bevor, mit einigen grösseren Wasserläufen dazwischen und
teilweise sicherlich auch noch Stellen mit Altschnee vom
Winter.
Schon während des
Winters erstanden wir im Dorf ein Kanu, und zogen dieses
relativ mühelos hinter dem Schlitten her zum Slokenjikh
Creek hinaus, von wo aus wir die Tour zum Melozi River
hinunter und weiter bis zur Mündung in den Yukon beginnen
wollten. Zusammen mit einem grossen Sack voll Essen wurde
dieses dort hoch in die Luft gehängt, denn so langsam würden
die Bären aus ihrem Schlaf erwachen und bestimmt einen
enormen Appetit mitbringen.
Nun standen wir also
wieder auf dem Hügel ausserhalb des Dorfes, wo die Strasse
endete und in den Schlittentrail zum Tozi hinaus überging.
Tom, ein Freund aus Tanana, hatte uns noch dort hinauf
gefahren und wünschte uns nun zum Abschied alles Gute, als
wir uns mit schwer beladenen Rucksäcken auf den Weg machten.
Bald gerieten wir immer öfter in grosse Schneefelder und
sanken oft hüfttief in der weichen Masse ein. Wie viel
einfacher doch das Vorwärtskommen mit Hunden und Schlitten
gewesen war!
Nach drei langen Tagen
erreichten wir schliesslich Toms Blockhütte, die sich weiter
flussabwärts ebenfalls am Tozi befand. Er hatte uns erlaubt,
in seiner Hütte zu wohnen, während wir warten wollten bis
das Eis auf dem Fluss aufbricht. Dies sollte ein riesiges
Spektakel sein, wenn sich der meterdicke Eispanzer in Form
von tonnenschweren Eisbrocken verabschiedet. Zumindest
meistens, leider aber nicht diesen Frühling. Nachdem wir
ganze drei Wochen in jener Hütte ausgeharrt hatten,
verabschiedete sich das Eis nach und nach völlig
unspektakulär. Der Frühling hatte einfach zu zögerlich
eingesetzt, als dass der gesamte Fluss auf einen Schlag
aufgebrochen wäre.
So machten wir uns
einigermassen enttäuscht wieder auf den Weg und wanderten
weitere drei Tage durch endlos erscheinende Tundraebenen.
Zu unserer grossen
Erleichterung hing das Boot und die Vorräte noch immer
sicher in den Bäumen und war bald startklar gemacht. Das
vorerst noch winzige Flüsschen präsentierte sich enorm
abwechslungsreich und spannend. Hinter fast jeder der
unzähligen Biegungen erwartete uns eine neue Überraschung:
Elchkühe mit ihrem Neugeborenen, von denen uns eine fast
attakierte, Scharen von Bibern, Gänsen und anderen
Wasservögeln, und einige Male auch Hindernisse wie eine
Barrikade aus Eisplatten oder umgestürzte Tannen quer über
den Bach.
Dank der grossen Mengen
Schmelzwasser war die Strömung recht kräftig und so
erreichten wir schon nach wenigen Tagen den Melozi River, wo
das Tempo spürbar abnahm. Besonders aber die unzähligen
Windungen des stark mäandrierenden Flusses liessen uns
manchmal glauben, wir bewegten uns kaum vom Fleck. Irgendwie
wollten die Berge in der Ferne einfach nicht näherkommen...
Eigentlich störte uns das aber wenig, da wir gerne möglichst
viel Zeit an diesem einsamen Fluss verbringen wollten. Bald
mussten wir aber feststellen, dass wir uns beim Packen der
Vorräte ziemlich verschätzt hatten und das Essen daher
niemals für die vorgesehene Zeit reichen würde. Um die Tour
deswegen nicht abkürzen zu müssen, setzten wir erst einmal
auf 'Gänse-Diät', denn diese Tiere waren gerade auf dem
Rückweg aus ihren Winterdestinationen und daher sehr
zahlreich auf den Sandbänken entlang des Flusses versammelt.
Endlich einmal waren wir richtig froh um das mitgeschleppte
Kleinkalibergewehr und unsere Vorräte wurden so erfolgreich
gestreckt.
Schliesslich erreichten
wir jene Biegung des Flusses, die auf die wir schon länger
gewartet hatten. Auf der Karte hatten wir eine heisse Quelle
etwa einen Tagesmarsch abseits des Flusses verzeichnet
gefunden. Zudem waren da noch ein paar Hütten eigetragen und
auch in Tanana hatten uns schon ein paar Leute über diesen
verlassenen Ort Auskunft gegeben. Zuerst mussten wir aber
noch einen Tag Pause einlegen, da ich seit einiger Zeit
krank war und mich vor der bevorstehenden Wanderung noch ein
wenig erholen musste.
Als wir schliesslich den
Ort mit den heissen Quellen erreichten, staunten wir nicht
schlecht, als wir dort ein noch komplett eingerichtetes,
jedoch schon seit vielen Jahren verlassenes Ferienresort
vorfanden. Immer noch überwältigt von dem unerwarteten Luxus
verlängerten wir unseren Aufenthalt dort gleich um ein paar
Tage, zumal sich in der Küche sogar noch halbwegs
geniessbares Essen fand, der Bach nebenan reichlich Fische
hergab und besonders natürlich die stundenlangen Bäder im
heissen Wasser nach dem wochenlangen feucht-kühlen
Frühlingswetter mehr als willkommen waren.
Porentief sauber und
halb aufgeweicht verliessen wir schliesslich den einladenden
Ort und wanderten an den Melozi zurück. Dort erwartete uns
nach kurzer Fahrt das grösste Hindernis unserer Tour,
nämlich eine Folge von zwei grösseren Stromschnellen am
Eingang zu einem längeren Canyon. Die Stromschnellen bei
diesem Wasserstand zu befahren wäre gelinde ausgedrückt
ziemlich leichtsinnig gewesen, und so trugen wir das Kanu
und die gesamte Ausrüstung einen knappen Kilometer weit
durch Wald und dichtes Gebüsch. Nach dieser Schinderei
wasserten wir das Boot schliesslich wieder und freuten uns
auf den bevorstehenden Flussabschnitt mit schnellem Wasser,
zahlreichen kleineren Schnellen und einer gelegentlichen
kalten Dusche. Gegen Ende des Canyons bauten wir am
steinigen Flussufer ein eher ungemütliches Camp im
anhaltenden Nieselregen auf, um dort die letzte Nacht
unserer Tour zu verbringen.
Nach einigen weiteren
Stunden Paddeln am nächsten Tag im nun wieder träge
dahinfliessenden Fluss erreichten wir dann überraschend die
Mündung in den Yukon. Obwohl wir diesen Strom schon von
früher kannten, erschien er uns nach so langer Zeit auf
einem kleineren Fluss nun doppelt so gewaltig, und so
machten wir uns aufs Neue beeindruckt von seiner Grösse an
die Überquerung dieser graubraunen Wassermasse, um am
gegenüberliegenden Ufer schliesslich unser Ziel, das kleine
Indianerdorf Ruby zu erreichen.
|