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In Tanana wurden wir am Flugplatz schon von
Stan erwartet. Er hatte uns bei unserer ersten Begegnung in
seinem Fishcamp am Yukon eingeladen, einen Winter in seiner
Blockhütte am Tozitna River zu verbringen. Natürlich konnten
wir sein Angebot nicht abschlagen und entstiegen nun nach
einem kurzen Flug von Fairbanks hierher als Einzige dem
kleinen Flugzeug. Die Begrüssung gestaltete sich ziemlich
kurz, denn alle wollten möglichst schnell wieder an die
Wärme.
Während der knapp zwei
Wochen, die wir bei Stan wohnten, lernten wir alles Nötige
für die kommenden Monate, die wir in der Blockhütte
verbringen wollten. Im Vordergrund standen natürlich die
Hunde, und wir beide als komplette Anfänger auf diesem
Gebiet hatten eine Menge zu lernen. Wie man aus getrocknetem
Lachs und Hundefutter eine kräftige Suppe für die Tiere
kocht, welcher Pflege sie bedürfen, das Anschirren und
Einspannen vor den Schlitten, und viele andere Dinge.
Anschliessend erhielten wir eine Einführung ins
Schlittenfahren und standen bald selbst das erste Mal auf
einem solchen Gefährt.
Sa, 5.12.98 (Tagebuchauszug)
Heute waren wir bereits zum ersten Mal
mit dem Schlitten unterwegs und es war einfach genial! Wir
fuhren während etwa 5 h und legten dabei gegen 40 km zurück.
Zuerst ging es der Strasse entlang auf
einen Hügel hinauf, und von dort aus noch ein Stück weiter
auf einem Trail in Richtung Tozi, bevor wir die Gespanne
wendeten und ins Dorf zurück fuhren. Zum ersten Mal hier in
Tanana liess sich die Sonne blicken (d.h. sie ging auf und
gleich darauf wieder unter), wodurch der Himmel in allen
Farben leuchtete und alles so unwirklich erscheinen liess.
Dazu kam noch die schier endlos weite, tief verschneite
Winterlandschaft, kurz es war einfach unglaublich schön.
Der Umgang mit den Hunden und das
Schlittenfahren ist gar nicht so schwierig wie ich es mir
vorgestellt habe, zumindest so lange alles normal läuft.
Dafür ist es recht anstrengend, da man häufig laufen oder
zumindest mit einem Fuss nachhelfen muss. So waren nach
diesem Trip nicht nur die Hunde (28 Stück, verteilt auf 3
Schlitten), sondern auch wir ziemlich geschafft.
Daneben vermittelte uns Stan noch viel
Wissenswertes über das Leben im Busch und besonders den
Umgang mit den zusätzlichen Gefahren im Winter, vor allem
natürlich der Kälte. Hier im Innern von Alaska, nur wenig
unterhalb des Polarkreises gelegen, bewegen sich die
Temperaturen zu dieser Jahreszeit im Bereich von -30° bis
-40° C oder auch ein gutes Stück darunter. Besonders in
Kombination mit Wind sind die Auswirkungen auf den
menschlichen Körper, allem voran der Haut, natürlich sehr
schnell verheerend und so profitierten wir noch so gerne von
seinem umfangreichen praktischen Wissen.
Mo, 7.12.98 (Tagebuchauszug)
Gute Neuigkeiten zu Beginn: Stan hat
uns angekündigt, dass wir wahrscheinlich schon nächsten
Sonntag oder Montag in unsere Cabin hinaus fahren werden, da
er vor Weihnachten wieder zurück sein muss! Das tönt doch
gut, nicht?
Heute haben wir erst am Nachmittag die
Hunde angeschirrt und sind, nachdem sie gestern einen Tag
Pause hatten, ausgefahren. Stan führte uns über ein paar
recht anspruchsvolle Trails ausserhalb des Dorfes. Das war
vielleicht ein Spass, in teilweise atemberaubendem Tempo
durch den Winterwald zu rasen! Schon auf dem ersten
Abschnitt verstauchte ich mir den Daumen als ich versuchte,
den Haken, der zum Bremsen benötigt wird, im Boden zu
verankern und er sich auf dem harten Untergrund immer wieder
los riss. Trotzdem genoss ich die Fahrt noch, und zeitweise
kam es mir schon fast so vor, als hätte ich mein Leben lang
nichts anderes gemacht. Jetzt ist es schon wieder recht spät
(die Zeit vergeht immer viel zu schnell!), und wir lassen
den Tag gemütlich in unserer Behausung ausklingen.
Stan ist noch dabei, einen weiteren
Schlitten zu bauen, obwohl er schon 4 oder 5 Stück davon
hat. Auch sonst ist er ständig beschäftigt, so dass er die
Versorgung der Hunde immer mehr uns überlässt. Wir verstehen
uns mit den Tieren schon ganz gut, doch gibt es immer noch
viel zu lernen, da die Ernährung und Pflege eine
Wissenschaft für sich ist.
Noch kurz zu Tanana:
Ein Grossteil der ungefähr 800 Einwohner
gehört zum Stamm der Athabaskan Indianer, daneben leben auch
einige Weisse hier, hauptsächlich aus den unteren Teilen der
USA. Sogar ein paar wenige Deutsche sind in dieses Dorf
ausgewandert.
Jobs sind in diesem, wie den meisten
Dörfern entlang des Yukons, die ohne Strassenverbindungen
zur Aussenwelt auskommen müssen, eher selten und so
beschäftigen sich die Leute auf andere Weise. Viele
verbringen die Sommermonate in Fishcamps entlang des
Flusses, um Lachs zu fischen und zu trocknen als Vorrat für
den Winter. Der grösste Teil davon dient als Hundefutter.
Im Herbst ist als besonderes Ereignis die
Elchjagd hervorzuheben. Während der drei Wochen dauernden
Saison wird fleissig gejagt und geschossen, um die
Kühltruhen für den bevorstehenden Winter zu füllen.
Im Winter dann sind die Hunde das
Hauptthema. In Tanana soll es doppelt so viele
Schlittenhunde wie Einwohner geben... Einige der Leute
züchten ihre eigenen Hunde und verkaufen und tauschen diese
dann mit Andern, meist in der Absicht, ein möglichst
schnelles Rennteam zusammen zu stellen.
So ist nicht verwunderlich, dass während
der Wintermonate über wenig anderes als Hunde diskutiert
wird und auch wir uns bei unseren gelegentlichen Besuchen im
Dorf zu wahren Kennern der Szene gemausert haben.
Leider ist das Leben in einem Ort wie
Tanana nicht nur so romantisch, wie obige Schilderung
vermuten lässt. Alkohol- und Drogenabhängigkeit haben
erschreckende Ausmasse angenommen. Gründe dafür sind unter
anderem sicherlich die hohe Arbeitslosigkeit, die Zahlungen
von Staat und Ölkonzernen an die Ureinwohner, die ein
ausreichendes Einkommen sicherstellen, sowie der Zerfall
ihrer ursprünglichen Kultur. Immerhin gibt es einige
Lichtblicke: die Kinder lernen in der Schule wieder ihre
alten Bräuche, Fertigkeiten und ihre eigene Sprache, nachdem
diese durch übereifrige Missionare im vergangenen
Jahrhundert beinahe ausgerottet worden sind.
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