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Im Verlauf
des Gesprächs erfuhren wir, dass die Leute gerade zur
Seelöwenjagd aufs Meer hinaus fahren wollten. Wir hatten
schon zuvor einiges darüber erfahren, selbst jedoch noch nie
an einer Jagd teilgenommen. Auf unsere Anfrage hin, ob noch
Platz im Boot sei, erwiderten sie, dass sie uns natürlich
gerne mitnehmen würden und dass genügend Platz für alle
vorhanden sei. Ich ging darauf hin zum Einkaufsladen, um uns
für die ein paar Stunden dauernde Fahrt mit Verpflegung
auszustatten. Dabei hatte ich Gelegenheit, das Dorf ein
wenig genauer zu betrachten. Die Häuser standen alle auf
hohen Stelzen, denn der Boden ist ausserordentlich sumpfig
und wird wahrscheinlich auch regelmässig überschwemmt.
Überall befanden sich kleine Weiher und gleich hinter dem
Dorf erstreckt sich ein grösserer See. Selbst hier schienen
Land und Wasser ohne feste Grenze ineinander zu verfliessen.
Bewegen konnte man sich nur auf Holzstegen, die anstelle von
Strassen das Dorf durchzogen.
Kurze Zeit später waren auch die Andern zur Abfahrt bereit.
Dazu zählten Paul und seine Frau Josie, die aus Alakanuk
stammten, jedoch oft zur Sealjagd nach Sheldon Point
hinunter fuhren, sowie ein Bruder Pauls und ihr etwa
fünfjähriger Sohn. Die beiden Brüder waren getrennt
aufgewachsen und hatten erst kürzlich von der Existenz des
Anderen erfahren. Deshalb war der Eine aus New York extra
hierher geflogen, um seinen Bruder kennen zu lernen, und
nahm nun ebenfalls zum ersten Mal an einer Jagd teil.
Uns beiden, die wir an das gemächliche Tempo des Kanus
gewöhnt waren, kam die Fahrt im Motorboot ungeheuer schnell
vor. Ein eisiger Wind versuchte überall in unsere warmen
Jacken einzudringen, so dass die Kragen bald hinaufgeklappt
und die Mützen tiefer ins Gesicht gezogen wurden. Josie
steuerte auf Anweisung ihres Mannes das Boot sicher zwischen
tückischen Sandbänken und Untiefen hindurch, obwohl davon an
der Oberfläche nichts zu sehen war. Und auch wenn sich Paul
hier bestens auskennen musste blieb es für uns ein Rätsel,
wie er den genauen Weg fand.
Als wir schliesslich die letzte Insel hinter uns liessen
(Flat Island - wie schon der Name sagt, total flach) und das
offene Meer erreichten, hiess uns Paul Ausschau halten nach
Seelöwen. Das Meer war ziemlich ruhig, doch ständig
täuschten mir die Wellen etwas vor und liessen mich für
einen Moment glauben, den Kopf eines Seelöwen erspäht zu
haben. Die einsetzende Flut liess das Wasser schnell
steigen, und mit ihr hätten auch die Tiere, die gewöhnlich
den Fischen nachziehen, in Landnähe kommen sollen. Sogar
Belugas, Weisswale, liessen sich hier manchmal blicken, was
natürlich ein zusätzlicher Ansporn war, die endlos
erscheinende Wasserfläche mit den Augen genauestens
abzusuchen.
Trotz der zahlreichen suchenden Augenpaare hatten wir nach
über einer Stunde, abgesehen von ein paar kreischenden
Möven, noch kein Lebewesen entdeckt. So legten wir erst eine
Pause ein und Paul zeigte uns, wie man den leichten Speer
mit Hilfe der Speerschleuder erstaunlich weit und präzise
werfen konnte. Natürlich endeten unsere Versuche ziemlich
kläglich und hätten wahrscheinlich niemals dazu gereicht,
ein Tier zu treffen.
Am Himmel verdichteten sich die Wolken zusehends und schon
bald hielt eine Regenwand direkt auf uns zu. Wir fuhren
schleunigst zu einer kleinen Hütte, die auf Flat Island
einsam dem stetigen Wind trotzte und uns Schutz vor dem kurz
darauf einsetzenden Regen gewährte.
Obwohl es in der Hütte eng und kalt war, wurde es uns keine
Minute langweilig. Alle wussten genügend unterhaltsame
Begebenheiten zu berichten, bis kurze Zeit später der
Regenschauer schon wieder vorüber war. Paul zeigte uns nach
einem kurzen Wettschiessen, wie man aus einer leeren
Schrotpatrone eine Gänselockpfeife basteln konnte und blies
diese so meisterhaft, dass sogar wir das Geräusch nicht von
einem echten Gänseschwarm zu unterscheiden vermocht hätten,
obwohl wir es in den letzten Wochen zur Genüge gehört
hatten.
Als die Vorführung beendet war, stiegen alle wieder ins Boot
und wir versuchten unser Glück erneut. Diesmal fuhren wir
nicht mehr aufs offene Meer hinaus, sondern umrundeten die
ganze Insel in sicherer Entfernung. Die Sonne neigte sich
schon dem Horizont zu, und die dramatischen Wolkengebilde
leuchteten in allen möglichen Farben. Alle starrten
schweigend aufs Wasser hinaus, wohl mehr mit sich und dem
überwältigenden Sonnenuntergang als der erfolglosen Suche
beschäftigt.
Als dann die Dämmerung hereinbrach, schob sich Josie eine
letzte Prise Kautabak hinter die Oberlippe, spuckte ein paar
Mal kräftig über Bord und nahm schliesslich wieder Kurs auf
Sheldon Point. Der Motor heulte auf und brachte uns schnell
in richtung Ziel. Gut zu wissen, dass sie den Weg
genauestens kannten, denn wir hätten uns hier bestimmt
gleich verirrt, da einem die flachen und völlig öden Inseln
überhaupt keine Anhaltspunkte boten.
Während der Fahrt amüsierte ich mich damit, Paul und seine
Frau zu beobachten wie sie sich mit Gesten unterhielten,
denn der Wind verunmöglichte jedes Gespräch.
Es begann schon zu dunkeln, als wir durchfroren wieder in
Sheldon Point ankamen, erfüllt von dem was wir gesehen und
von diesen Leuten gelernt hatten. Dass wir während der
ganzen Fahrt keinen Seelöwen zu Gesicht bekommen hatten,
schien niemandem etwas auszumachen.
Sept. 1997
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