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Kurz vor
Mittag verliessen wir Alakanuk, nachdem wir eiligst
gefrühstückt und unsere Sachen gepackt hatten. Kein Wind
regte sich, und die Sonne liess den Fluss wie einen
glänzenden Spiegel erscheinen. Unermüdlich strömte dieser
seinem Ziel entgegen, gewaltig und träge.
Mit kräftigen Schlägen bewegten wir das Kanu vorwärts. Es
ging wunderbar leicht, waren doch die Bedingungen geradezu
ideal.
Als Erstes mussten wir den Fluss überqueren, da sich hier
die engste Stelle befand. Nur etwa zwei Kilometer waren es,
bevor er sich auf mehr als fünf verbreiterte und
schliesslich übergangslos mit dem
Meer verschmolz.
Das Ufer blieb bald weit zurück. Die letzten Häuser von
Alakanuk verschwanden nach und nach hinter dichtem
Buschwerk, das wie üblich den Fluss säumte. Trotzdem schien
es, als rücke das gegenüberliegende Ufer kein Stück näher.
Irgendwie konnten wir es kaum erwarten, endlich ans Ziel
unserer Reise zu gelangen, und so strengten wir uns ein
letztes Mal kräftig an. Die mittlerweile so gewohnten
Bewegungen, die Anstrengung, das lautlose Dahingleiten; all
dies versuchte ich in vollen Zügen zu geniessen und als
bleibende Erinnerung zu bewahren.
Irgendwo am Himmel zog ein Schwarm Gänse vorüber. Ihr
mittlerweile vertrautes Gekrächze liess mich aus meinen
Gedanken aufschrecken. Nun lagen beide Ufer in weiter Ferne
und waren nur noch als schmaler, dunkler Streifen erkennbar.
Die endlose, gleissende Wasserfläche verfloss irgendwo im
leichten Dunst nahtlos mit dem Himmel. Dort wurden immer
mehr schwarze Punkte sichtbar, erst nur einzelne, dann aber
verbanden sie sich zu einer durchgehenden Linie und gingen
schliesslich in den schmalen Uferstreifen über. Abgesehen
davon gab es nichts zu sehen, bloss eine grenzenlos
erscheinende Fläche schmutzig braunen Wassers. Wir tauchten
ganz ein in die Unendlichkeit dieser Landschaft, die einen
so unglaublich winzig erscheinen liess.
Nach wenigen Stunden näherten wir uns Sheldon Point und
bogen vom Hauptstrom in einen Seitenkanal ab. Kurz darauf
erblickten wir weit weg einige Häuser. Im grellen Gegenlicht
waren sie nur schlecht zu erkennen und glichen eher einer
Luftspiegelung. Eine eigenartige Stimmung befiel uns. Da lag
also unser Ziel dicht vor unseren Augen, auf das wir während
Wochen, ja Monaten hin gepaddelt waren und welches mit der
Zeit eine magische Bedeutung erhielt. Einerseits freuten wir
uns natürlich riesig darüber, dass wir es geschafft hatten,
andererseits machte sich aber schon die Angst vor dem
schnell näherkommenden Abschied vom Fluss bemerkbar.
Sheldon Point - the end of the land. Das winzige Eskimodorf
an der Beringstrasse trägt seinen Namen nicht zu unrecht.
Man hat dort wirklich das Gefühl, das Land löse sich
allmählich auf und mache übergangslos dem Wasser Platz. Die
letzten Inseln in der Flussmündung ragen gerade noch einen
knappen Meter über den Wasserspiegel hinaus und sind dazu
noch völlig flach, einzig bewachsen mit plattgedrücktem
Sumpfgras. Die einzige Ausnahme bilden die Kusilvak
Mountains, ein markanter Koloss von Berg, der sich in der
Ferne undeutlich gegen den Himmel abzeichnete und wie ein
mächtiges Wahrzeichen in der öden Weite der subarktischen
Tundra steht.
Ein Motorboot passierte uns vom Meer her und durchschnitt
mit seinem Gedröhne brutal die fast schon sakrale Stille,
die uns zuvor umgeben hatte. Im Vorbeifahren musterte uns
eine Yupikfamilie neugierig und winkte uns schliesslich
freundlich zu. Die Bugwelle des Motorboots liess unser Kanu
wie einen Spielball auf und ab hüpfen, während einige
Spritzer des brackigen Wassers an Bord schwappten. Kurz
hinter dem Motorboot fuhren auch wir auf den schmalen Strand
vor dem Dorf auf und legten die Paddel endgültig aus der
Hand.
Sept. 1997
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