bilder

   

Tso Moriri

   
     
Reisebericht
 

Schon mehrmals war mir der kleine blaue Fleck auf der Karte ins Auge gestochen. Dicht daran vorbei verläuft die grüne Linie, die die Grenze zu Tibet markiert. Sogar ein Name war angegeben: Tso Moriri. Mittlerweile übte dieser unscheinbare blaue Fleck eine schon fast magische Wirkung auf mich aus, was man wahrscheinlich am Treffendsten mit dem 'Reiz des Unbekannten' bezeichnen kann.

Natürlich hatte ich mir schon überlegt, einfach dorthin zu wandern, doch der Weg schien sehr weit und das Gebiet dazwischen ziemlich verlassen zu sein. Dies schreckte mich zwar nicht unbedingt ab, doch ich wusste von vorangeganenen Touren, dass ich bloss für etwas mehr als eine Woche Essen mittragen konnte, was bestimmt nicht reichen würde. Zudem gab es von dieser Gegend noch keine genaueren Karten, denn Touristen sind in diesem sensiblen Grenzgebiet zu China erst seit wenigen Jahren zugelassen.

Umso grösser war dann meine Freude, als ich in Leh zufällig mit einer Französin auf dieses Thema zu sprechen kam und von ihr erfuhr, dass sie ähnliche Pläne hegte. Es dauerte nicht lange, bis wir die Tour konkret ins Auge fassten und uns an die Organisation machten. Über eine der zahlreichen lokalen 'Travel Agencies' bekamen wir einen Führer vermittelt, der drei Pferde für den Gepäcktransport mitbringen würde. Wir trafen uns auch schon am nächsten Tag mit Tsetan, einem alten Tibeter, und besprachen noch einige wichtige Details und machten uns anschliessend schon bald auf zum Markt, um Lebensmittel und einige andere wichtige Kleinigkeiten einzukaufen. Sogar ein paar zusätzliche warme Kleider leistete ich mir, denn der Sommer war schon fast zu Ende und immerhin würde unsere Tour noch ganze drei Wochen dauern. Besonders zu dieser Jahreszeit muss man in Ladakh was das Wetter anbelangt auf alles gefasst sein, denn das gesamte Gebiet liegt auf über 3500m Höhe. Ganz zu schweigen von den bis etwa 5600m hohen Pässen, die wir zu überqueren hatten!

Wenige Tage nach unserer ersten Begegnung im Garten der 'German Bakery' trafen sich Marianne und ich wie vereinbart mit unserem Führer Tsetan in einem kleinen Ort ausserhalb von Leh. Obschon ich von Pferden keine grosse Ahnung hatte, wurde mir beim Anblick der drei dürren und ungepflegt scheinenden Tiere etwas unwohl zu Mute. Doch Tsetan schien sich nicht darum zu kümmern und verteilte unser gesamtes Gepäck kurzerhand auf die Drei. Mit geübten Handgriffen zurrte er alles fest und gab uns bald darauf zu verstehen, dass wir aufbrechen konnten.

Bald hatten wir uns an den Rhythmus der Pferde und den unseres Führers gewöhnt. Das Wandern mit bloss einem leichten Tagesrucksack war im Vergleich zu meinen sonstigen Touren mehr als angenehm, doch dafür machte sich die Höhe zunehmend bemerkbar. Tagsüber brannte die Sonne unbarmherzig auf uns nieder, doch kaum war sie verschwunden breitete sich eine eisige Kälte aus. Nicht selten waren morgens die Bäche neben unserem Lagerplatz dick zugefroren! Auch gerieten wir mehrmals in heftige Schneeschauer, und die Berghänge um uns herum wurden in regelmässigen Abständen frisch überzuckert.

Je länger wir unterwegs waren, desto mehr begannen Zeit und Raum ineinander zu verschwimmen. Die Landschaft war meist sehr karg und weitläufig, so dass dem Auge nicht viel Abwechslung geboten wurde. Gleichzeitig aber war sie auch sehr vielfältig und versetzte uns jeden Tag von Neuem in Staunen ob ihrer grandiosen Schönheit. Gewaltig das Farbenspiel auf den Berghängen, die oftmals eher an Marslandschaften denn irdisches Dasein erinnerten. Unbeschreiblich die Aussichten von den zunehmend höheren Pässen, unsere Eindrücke vermutlich noch massiv verstärkt durch den chronischen Sauerstoffmangel und die dadurch hervorgerufene Verdickung des Blutes.

Mittlerweile hatte sich eine angenehme Routine in unserem kleinen Team eingespielt, was besonders beim Aufbau und Abbruch des Camps hilfreich war. Tsetan versorgte uns ständig mit tibetischem Buttertee, der eher an Bouillon als an Tee erinnert, jedoch nach einem langen Tag unterwegs genau das Richtige war um die schwindenden Geister jeweils wieder zum Leben zu erwecken. Später dann sassen wir alle drei gemütlich in seinem einfachen Zelt zusammen, wo er uns jeweils ausführlich aus seinem Leben und besonders der einschneidenden Flucht aus dem Tibet erzählte. Untermalt wurde das Ganze vom Rauschen des Benzinkochers, auf dem ein einfaches Gericht vor sich hin köchelte, während von draussen gelegentlich das Schnauben eines der Pferde zu vernehmen war. Ansonsten war die Stille besonders Nachts schon fast unheimlich und liess uns noch viel verlorener erscheinen, als wir in Wirklichkeit waren.

Tatsächlich aber sorgten wir uns zunehmend um den weiteren Verlauf der Route, den auch Tsetan immer weniger genau zu kennen schien. Erst mit der Zeit erfuhren wir, dass er die zweite Hälfte der Strecke noch nie zuvor gegangen war, nachdem wir ihm bisher blind vertraut hatten und er sich auch als zuverlässigen Führer bewies. Die einzige Karte die wir besassen war in Wirklichkeit bloss eine sehr grobe Skizze, und meist halfen uns die paar wenigen eingezeichneten Striche auch nicht wirklich weiter. Schlussendlich muss es hauptsächlich an Tsetans gutem Gespür gelegen haben, dass wir immer den richtigen Weg wählten und uns stetig unserem Ziel näherten. Geholfen hat bestimmt auch, dass wir unterwegs einige wenige Male auf Nomaden trafen, die uns auf ihren kleinen und stämmigen Pferden überholten während sie sich auf dem Weg in ihre Winterquartiere befanden, die zum Teil am Ufer des Sees lagen.

Bald darauf war es dann auch so weit, dass wir von der letzten Passhöhe aus den tiefblauen See unter uns erblickten


April 04

 

   
   
   
drucken