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Salzwasser und Dämonen

   
     
Wieder hatte ich einen langen und anstrengenden Tag hinter mir. Die Wanderung entlang des Machulu-Gletschers und später der Aufstieg durch den rutschigen Geröllhang auf einen kleineren Gipfel entlang der Route hatten mir einiges abverlangt. Besonders weil die Sonne wieder einmal unbarmherzig gebrannt hatte und Wasser in dieser staubtrockenen Umgebung Mangelware ist. Nur das bläulich schimmernde Eis des unglaublich zerfurchten Gletschers hatte flüchtig eine ferne Erinnerung an kühl auf der Zunge zergehendes Wassereis geweckt. Ich musste lachen bei diesem schon fast abstrakt anmutenden Gedankengang. Zumindest abwegig war er, betrachtete man meine Situation genauer. Tagelang war ich zu Fuss unterwegs gewesen, fern der sowieso nur äusserst spärlich vorhandenen Zivilisation hier am nördlichen Ende des Karakorum-Highways, kurz vor der Grenze nach China hinüber. Genügend zu Essen und besonders einigermassen sauberes Trinkwasser betrachtete ich schon wahrlich als Luxus, und so war ich dann auch ganz überrascht, als sich hinter der nächsten Wegbiegung unerwartet ein glasklares Bergseelein präsentierte.

Sogleich war klar, dass ich meinen Platz für die kommende Nacht gefunden hatte. Es war zwar noch nicht sehr spät, doch einen solch luxuriösen und zudem noch traumhaft schönen Biwakplatz konnte ich mir unmöglich entgehen lassen. Ganz besonders die Aussicht auf ein Bad hatte es mir angetan, etwas, das ebenfalls schon viel zu lange zurück lag.

Keine Stunde später lag ich frisch gewaschen auf meiner ausgebreiteten Wolldecke und liess mich von den letzten Strahlen der Abendsonne trocknen. Der Benzinkocher schnurrte leise vor sich hin, vor mir dampfte bereits eine Tasse Tee und auch der Reis müsste bald gar sein. Ich freute mich auf das Essen, das wie meist am Abend aus einem Topf Reis verfeinert mit einem Bouillonwürfel bestand, denn der heutige Fussmarsch hatte meinen Appetit geweckt. Um so grösser war die Enttäuschung, als ich den Reis schliesslich probierte und dieser gelinde ausgedrückt ziemlich eigenartig und nicht besonders appetitlich schmeckte. Auch den Schluck Tee, der eigentlich zum Spülen gedacht war, hätte ich beinahe wieder ausgespuckt. 'Was ist denn nun los?' fragte ich mich und zweifelte schon fast an meinen Kochkünsten. In diesem Moment sah ich am gegenüberliegenden Seeufer zwei Knaben auftauchen und schnell näher kommen. So stellte ich den Topf mit Reis erst einmal unauffällig zur Seite und versuchte vorsichtig einen weiteren Schluck Tee, jedoch nur um mich noch völlig von seiner Ungeniessbarkeit zu überzeugen.

Schliesslich standen die beiden Jungs vor mir und musterten mich eingehend mit grossen Kinderaugen. In bruchstückhaftem Englisch erklärten sie mir wo sich das Haus ihrer Eltern befinde und dass sie vor Einbruch der Dunkelheit nochmals nach ihren Tieren auf der nahegelegenen Weide schauen mussten. Viel mehr interessierte sie aber natürlich, woher ich kam, was ich so vorhatte und so weiter. Erst nach längerem Gespräch machte ich schliesslich eine Bemerkung über den seltsamen Geschmack des Seewassers und erfuhr auch gleich die Ursache dafür. 'Water no good, sir. Water salty!' erklärte mir der Ältere der Beiden mit ernster Miene. Jetzt war natürlich alles klar und ich fragte mich schon, wieso ich nicht selbst auf diese Idee gekommen war. Schliesslich bot er mir auch an, in der Nähe gutes Trinkwasser zu holen, ein Angebot das ich meinen müden Beine gedenkend schlecht abschlagen konnte. Wenig später goss ich eine frische Tasse Tee auf und brachte Wasser für eine weitere Portion Reis zum Kochen. Die Knaben verabschiedeten sich bald darauf, jedoch erst nachdem sie mich ausdrücklich vor den im See wohnhaften Dämonen gewarnt und mich mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie zuvor angewiesen hatten, mein Nachtlager ein Stück weiter vom Wasser weg zu verschieben.

Eigentlich zähle ich mich selbst ja nicht zur ängstlichen oder abergläubischen Sorte Menschen, doch an diesem Abend folgte ich dem Ratschlag der Beiden und verbrachte dann auch eine ungestörte Nacht...

 

   
   
   
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