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Wieder einmal teilte sich der Weg und der
Wanderer wusste nicht, welche der beiden Abzweigungen er
wählen sollte. Ein Blick auf die Karte half auch nicht
weiter, denn dafür war sie viel zu ungenau.
Er war schon nahe daran, auf gut Glück
eine der beiden Möglichkeiten zu wählen, als er ein paar
Männer den Weg hinter sich heraufkommen sah. Als sie ihn
schliesslich eingeholt hatten, begrüsste er sie freundlich.
Ihrem ärmlichen Äusseren nach zu urteilen waren es Hirten
aus der Gegend, die sich hier bestimmt gut auskannten. Dafür
würde er mit seiner Frage in Englisch nur auf Unverständnis
stossen, und so versuchte er es in der lokalen Sprache, die
er selbst aber nur mangelhaft beherrschte. 'Assalam aleikum
jih', begrüsste er den Ältesten unter ihnen respektvoll.
'Sagen sie, führt dieser Weg hier zum See hinauf?' fragte er
und deutete dabei auf die Abzweigung, die er selbst auch
gewählt hätte. 'Ja, ja, zum See', bestätigte der Alte seine
Vermutung, 'so Gott will!' Der Wanderer hatte sich schon
längst daran gewöhnt, dass im Arabischen jede Aussage mit
'in shalla', also 'so Gott will', abgeschlossen wurde und so
machte er sich darüber keine weiteren Gedanken.
Sie wechselten noch einige weitere Worte
und verabschiedeten sich anschliessend nach allen Regeln der
Höflichkeit. Die Hirten folgten der anderen Abzweigung als
der Wanderer; offenbar hatten sie ein anderes Ziel.
Auch er zögerte nicht lange und folgte dem
gewiesenen Weg. Es war schon später Nachmittag und er musste
sich beeilen, wenn er den See noch vor Einbruch der
Dunkelheit erreichen wollte. Doch so sehr er sich auch
bemühte, das Ziel schien einfach nicht näher zu kommen. Der
Weg wandte sich in unzähligen Kehren den steilen Hang
hinauf, und schien oftmals in eine völlig andere Richtung zu
führen, als er den See vermutete. Dazu kam, dass er seine
Wasserflasche schon länger bis auf den letzten Tropfen
geleert hatte, und er weit und breit keinen Wasserlauf oder
eine Quelle entdecken konnte.
Erst sehr spät, nachdem die Sonne schon
längst untergegangen war, erkannte er schliesslich den See
im fahlen Mondlicht vor sich im Tal. Seine Beine schmerzten
und die Kehle brannte, und eine grosse Erleichterung machte
sich bemerkbar, nachdem er vorher schon der Verzweiflung
nahe gewesen war.
Kurz vor dem Ufer, wo er sein Zelt
aufschlagen und die Nacht zu verbringen gedachte, sah er ein
Feuer brennen und ein paar Gestalten darum herum sitzen.
Eigentlich war er von der langen Wanderung todmüde und hatte
keine grosse Lust mehr auf eine Begegnung mit irgendwelchen
Hirten. Doch da die Leute ihr Lager gleich neben dem Weg
aufgeschlagen hatten, kam er fast nicht darum, wenigstens
kurz anzuhalten. Zu seinem grossen Erstaunen erkannte er den
Alten wieder, den er zuvor nach dem Weg gefragt hatte.
'Aber, wie kommt es, dass sie schon hier sind', fragte er
den Alten leicht vorwurfsvoll, 'während ich mich wirklich
beeilt habe und trotzdem erst so spät mein Ziel erreiche?
Sie haben mir nicht gesagt, dass der andere Weg viel kürzer
gewesen wäre!'
Der Alte lächelte milde. 'Aber mein
Lieber, haben sie mich denn nicht gefragt, ob jener Weg auch
hierher führt? Nun, dass er das tut, habe ich ihnen dort
schon gesagt und so war es doch auch, oder nicht?'
Gegen diese offensichtliche Logik wusste
der Wanderer auch nichts mehr einzuwenden. 'In shallah',
meinte er bloss noch, und verabschiedete sich von den
Männern, um endlich sein verdientes Nachtlager
aufzuschlagen.
April 04
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