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Der schweiss- und staubverkrustete Wanderer,
der an jenem schicksalshaften Tag ganz alleine in dem
winzigen Bergdorf, dessen Name mir leider entfallen ist,
eintrifft und sich nichts sehnlicher als eine warme Mahlzeit
und eine Pritsche zum schlafen wünscht, wird gleich von der
üblichen Kinderschar empfangen. 'Inglesi, Inglesi' tönt es
sogleich aus dutzenden junger Kehlen, und als er bloss mit
einem müden Lächeln und einer abwehrenden Handbewegung
reagiert, steigert sich die Lautstärke noch. Der Tonfall
wird eine Spur aggressiver. 'Inglesi, Inglesi! One pen, one
rupia!' betteln die Kinder in ihrem knappen Englisch. Der
einsame Wanderer schüttelt bloss verärgert den Kopf und
brummt unverständliche Worte vor sich hin, während er sich
einen Weg durch die drängelnde Kindermasse zu bahnen
versucht.
Schliesslich steht er vor einem einfachen Lehmhaus mit einem
unleserlichen Schild auf dem Dach. Die der Strasse
zugewandte Seite des Gebäudes ist offen und auf einem
einfachen Lehmherd dampft es aus verschiedenen Töpfen. Im
Innern des Raumes kann der hungrige Wanderer einige
wackelige Tische und Bänke erkennen, doch die
Innenausstattung des winzig kleinen Restaurants interessiert
ihn momentan nicht mal am Rande. Er ist gefangen von den
verlockenden Düften, die den rauchgeschwärzten Kochtöpfen
entsteigen. Schliesslich hat er seit zwei Tagen nichts mehr
gegessen, nachdem er am Fusse des mächtigen Bandharpunch in
dichten Nebel geraten und sich völlig verlaufen hatte. Seine
Vorräte waren sowieso schon fast erschöpft gewesen, da er
damit gerechnet hatte, noch am selben Tag diesen
unscheinbaren Ableger menschlicher Zivilisation zu
erreichen. Und nun war es zwei Tage später, und er hatte
seither nichts Festes mehr zu sich genommen. So war er dann
auch überhaupt nicht wählerisch, als der bärtige Mann hinter
den Töpfen einen Deckel nach dem andern hob und stolz den
Inhalt präsentierte. Ausser einigen wenigen Worten versteht
er sowieso nichts von der lokalen Sprache und zudem hätte er
schon längst blind aufsagen können, was aller
Wahrschenlichkeit nach schon den ganzen Tag lang in den
Töpfen vor sich hin schmorte. Blumenkohl, Kartoffeln, Reis
und natürlich Dahl, der allgegenwärtige Linsenbrei. Dazu
Chapati, Fladenbrote, die gleichzeitig als Esswerkzeug
dienen.
Jedenfalls lässt er sich aus jedem Topf eine Portion auf den
blechernen Teller schöpfen und macht sich sogleich gierig
darüber her. Ausnahmsweise achtet er auch überhaupt nicht
auf die indischen Tischsitten. Anstatt das Chapati in kleine
Stücke zu reissen und damit die Nahrung im Teller
einzuwickeln und schliesslich elegant in den Mund zu
befördern, schaufelt er Reis, Gemüse und Dahl achtlos mit
dem Löffel in den Mund. Erst als er seinen grössten Hunger
gestillt hat fällt ihm auf, dass er den Löffel erst noch mit
der linken, der schmutzigen Hand bedient hat. Erst jetzt
bemerkt er auch, dass die zahlreich versammelte
Dorfbevölkerung neugierig jede seiner Bewegungen verfolgt
hat und diverse bedeutungsvolle Gesichtsausdrücke alles über
seine Tischmanieren aussagen. Beschämt senkt er den Blick
und greift, fortan mit der Rechten, erneut zum Löffel.
Plötzlich drängen sich zwei junge Knaben durch die Menge an
seinen Tisch. Ihr strähniges Haar ist schmutzverkrustet,
ebenso ihre Hände und Gesichter. Der Wanderer, langsam satt
gegessen, will sie schon unwirsch abweisen, denn langsam
machte sich bei ihm die Müdigkeit bemerkbar. Immerhin hat er
die letzten beiden Nächte vor Hunger und Erschöpfung kaum
ein Auge zugetan.
Der ältere der beiden Knaben streckt ihm ein sauber
gefaltetes Stück Papier entgegen. Abgesehen von zahlreichen
dunklen Fingerabdrücken macht das Papier einen ungewohnt
sauberen und förmlichen Eindruck. Dies mag auch der Grund
dafür sein, warum er sich trotz der bleiernen Müdigkeit
schliesslich dafür zu interessieren beginnt. Zudem bleibt
ihm keine andere Wahl. 'From school. Our teacher write
letter.' stammelt der Knabe schliesslich. 'You Inglesi read
this', fügt er nun noch etwas bestimmter hinzu. Der Mann
nimmt das Papier in die Hand. Es sieht aus, als wäre es eben
säuberlich aus einem Schulheft heraus gerissen worden. Auf
den feinen Linien entziffert er schliesslich folgenden Text:
'Please riding this.' Er unterdrückt krampfhaft das Lachen,
da offenbar der hiesige Lehrer mit der englischen
Rechtschreibung nur entfernt bewandt ist. So hat er doch
anstatt 'Bitte dies lesen' 'Bitte dies reiten' als
Überschrift gewählt. Nach einer kurzen Pause fährt er fort.
'Wir haben 15 Schüler in einem Privathaus. Wir wollen
richtige Schule bauen aber haben kein Geld dafür. So bitten
wir alle Touristen, etwas Gutes zu tun.' Unterzeichnet ist
der Brief im Namen des Lehrers und aller Schüler.
Da der Brief in solch komplizierten und fehlerhaften
Englisch geschrieben ist, liest er ihn noch einige Male
durch und schliesslich auch laut vor. Erst langsam dämmert
ihm, dass er um eine Spende für ein neues Schulgebäude
gebeten wird. Aber wurde dieses Schreiben tatsächlich von
einem Lehrer verfasst? Er kann es fast nicht glauben und
verdächtig schon die beiden Jungs, ihm auf zugegebenermassen
clevere Art etwas Geld abknöpfen zu wollen. Doch er kann
seinen Gedanken nicht zu Ende spinnen, denn mittlerweile hat
sich unter den Umstehenden eine hitzige Diskussion über den
Inhalt des Briefes entfacht. Ein älterer und
verhältnismässig gepflegter Herr stellt sich schliesslich
als weiteren Dorflehrer vor und bestätigt unserem Wanderer,
dass der Brief tatsächlich von seinem Kollegen verfasst
worden ist. Gemeinsam gehen sie nochmals Satz für Satz durch
und stocken schliesslich in der letzten Zeile beim Wort
'good'. Der Lehrer scheint sich plötzlich nicht mehr so
sicher zu sein, ob es nun 'good' oder 'god' heissen sollte,
also 'gut' oder 'Gott', im Englischen bloss durch ein 'o'
voneinander zu unterscheiden. Der Wanderer versucht ihm nun
zu erklären , dass es aus dem Zusammenhang heraus 'good' mit
zwei 'o' heissen müsse und daher korrekt geschrieben sei.
Doch der Lehrer lässt so schnell nicht locker und bohrt
weiter. Zwischendurch scheint er die angeregte und
mittlerweile schon eher skurille Diskussion fortwährend in
die lokale Sprache zu übersetzen, so dass sich auch die
Umstehenden rege daran beteiligen.
Da der Wanderer immer noch überzeugt ist, dass das 'good'
dort seinen rechtmässigen Platz habe und es auch um keinen
Preis um ein 'o' schmälern will, fragt ihn der Lehrer
unvermittelt, ob er denn Gott nicht möge, da er so auf dem
Gut beharre. Rings um den verdutzten Wanderer herum ist es
plötzlich totenstill geworden. Alles scheint auf seine
Antwort zu warten, doch vor lauter Vewirrung kann er erst
mal keinen klaren Gedanken fassen. Hatten sie nicht gerade
ein sprachliches, oder genauer gesagt ein orthographisches
Problem diskutiert, und nun sind sie unvermittelt bei der
Religion angelangt?
Unsicher darüber , was er antworten soll, schaut sich der
Waderer um. Die wogende Masse aus sonnengebräunten
Gesichtern, filzigen Wollmützen und darunter
hervorquellenden Bärten ist noch näher gerückt. Unzählige
dunkle Augen verfolgen aus unergründlicher Tiefe jede seiner
Regungen. Die Stimmung hat unvermittelt einen bedrohlichen
Unterton angenommen. Schliesslich setzt er an 'ich, äh,
nein, ich meine ja natürlich ...'.
Wahrscheinlich wird nie jemand herausfinden, wer den ersten
Stein geworfen hat. Auch nicht den Zweiten und vorallem der
Dritte, der den Wanderer so unglücklich an der Stirn trifft,
dass er vornüber auf den Tisch sinkt. Sein Kopf liegt genau
auf dem unheilvollen Stück Papier und ein dünnes Rinnsal
Blut aus seiner Platzwunde macht sich gerade daran, die
Tinte, mit der das schicksalshafte Wörtchen 'good'
geschrieben wurde, für immer vom Papier zu löschen...
Anmerkung: Diese Geschichte basiert auf einem
Erlebnis, das mir in ähnlicher Form wiederfahren ist. Ich
möchte die Geschichte jedoch ausdrücklich als fiktiv
verstanden wissen (besonders was den bösen Ausgang
betrifft...)!
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