bilder

   

Fahrt mit Folgen

   
     

Schon einige Male war ich zuvor in einen dieser Busse gestiegen. Zerbeult und rostig, wie sie sich üblicherweise präsentierten, die Fenster alle offen, wenn nicht ganz fehlend. Dabei hatte ich mich jeweils über die verschmierte Aussenseite der Fahrzeuge gewundert. Insbesonders direkt unterhalb der Fenster waren die Spuren am Deutlichsten. Dass die Leute in Indien gerne in jede erreichbare Ecke spucken war mir ja schon längst aufgefallen, doch danach sahen diese eingetrockneten Krusten nicht unbedingt aus.
Ich war heute extra frühzeitig an der Busstation angekommen und freute mich nun, als ich in den Bus einstieg über einen freien Fensterplatz; ein seltenes und begehrtes Glück. Besonders heute war mir ein komfortabler Platz wichtig gewesen da ich wusste, dass mir eine lange und heisse Fahrt bevorstand. Deshalb hatte ich mich auch besonders früh aufgemacht und sogar auf das Früstück verzichtet, um eben diesen Platz zu ergattern.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis der Bus schliesslich losfuhr und ich endlich den kühlenden Fahrtwind geniessen konnte. Die Sonne hatte trotz der frühen Stunde schon intensiv auf das Busdach gebrannt und das Innere nahezu in einen Backofen verwandelt. Doch nun tat der Fahrtwind seine Wirkung und ich atmete die frische Luft tief ein.
Bei einem der unzähligen Stopps stieg eine Frau mit ihrem Sohn im Arm in den mittlerweile gut gefüllten Bus und drängte sich neben mich auf die schmale Sitzbank. In einer mir unverständlichen Sprache redete sie heftig auf mich ein und deutete dabei mehrmals auf ihr schlafendes Kind und das Fenster. Langsam begann ich zu verstehen. 'So', dachte ich bei mir, 'meinen begehrten Fensterplatz willst du mir also streitig machen. Nun, so leid es mir auch tut, aber da bist du heute an den Falschen geraten! Schliesslich ist das Reisen hier so schon hart genug, und manchmal muss man ein wenig egoistisch sein!', versuchte ich meine Haltung zu rechtfertigen.
Ich wandte mich ab und steckte den Kopf erneut zum Fenster hinaus. Das monotone Dröhnen des Motors und das ständige Schaukeln des Fahrzeugs auf der staubigen Piste wiegte mich in eine Art Dämmerzustand. Eine bleierne Müdigkeit machte sich langsam bemerkbar, denn ich hatte in der Nacht zuvor wegen der Hitze kaum schlafen können. Die Landschaft zog wie in einem surrealen Film an mir vorüber. Dazu kamen diffuse Traumbilder, die sich mit der Umgebung zu vermischen begannen, und bald konnte ich nicht mehr unterscheiden, was von meinen Eindrücken Wirklichkeit war.
Ich liess meinen Gedanken freien Lauf. Während diesen schier endlosen Busfahrten hatte ich gelernt, dass die Zeit am schnellsten vergeht, wenn man sich in einen solchen tranceähnlichen Zustand versetzen lässt. Dazu war es eine gute Gelegenheit, all die gesammelten Eindrücke zu verarbeiten und auch wieder mal in angenehmen Erinnerungen zu schwelgen. So stellte ich mir gerade vor, wie sich kühle Wassertropfen auf sonnenverbrannter Haut anfühlen, als ich unvermittelt aus meinen Träumen gerissen wurde. Eine unangenehm warme Flüssigkeit rann meinem nackten Knöchel entlang hinunter und über den rechten Fuss. Unverwechselbare Würglaute des mittlerweile erwachten Kindes neben mir liessen keine Zweifel aufkommen. Ich sprang auf, so gut das die engen Sitzbänke zuliessen und versuchte dem Strahl auszuweichen, der erneut aus dem Mund des Knaben schoss. Gleichzeitig drängte ich mich an der Mutter vorbei und liess sie ans Fenster hinüber rutschen, während ich mich gleichzeitig zu entschuldigen versuchte.
Beschämt schaute ich mich im Bus um. Die meisten Fahrgäste schienen gar nicht mitbekommen zu haben, was sich gerade abgespielt hatte, oder taten zumindest so. Nur auf ein oder zwei Gesichtern glaubte ich einen amüsierten Ausdruck festzustellen, der jedoch gleich verschwand, als ich mich ihnen zuwandte.
Wir hatten mittlerweile die Berge erreicht, und die Strasse zog sich in unzähligen engen Kurven die steile Talseite hinauf. Erst als ich mich nochmals im Bus umschaute stellte ich fest, dass noch mehr Passagiere ihren Kopf auffallend lange aus dem Fenster gesteckt hielten. Erst jetzt dämmerte mir, wie der Bus aussen zu seiner gelblich-braunen Farbe gekommen war...


April 04

 

   
   
   
drucken  

oben