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14. Reisebericht vom 15.11.06 ‘Unerwarteter Zwischenfall’
Position: Kunming, Suedwestchina. km 17'250
Koordinaten: N 25 03' 35'', E 102 42' 50''

Kürzlich haben die Ereignisse hier eine völlig unerwartete Wendung genommen und meine Reisepläne ein wenig durcheinander gebracht oder zumindest verzögert. Ich melde mich deshalb etwas kürzer als sonst üblich und hoffe, bei einer späteren Gelegenheit noch ein paar Fotos liefern zu können.

Von Lijiang aus fuhr ich im gemütlichen Tempo ein paar Tage weiter nach Dali, wunderschön gelegen am Fusse einer steilen Bergkette direkt am Ufer des Erhai Sees. Auch hier gab es eine hübsche Altstadt der Bai Minderheit zu besichtigen, mit kleinen Holzhäusern und verwinkelten Gassen, die aber ähnlich wie in Lijiang von der chinesischen Regierung viel zu gut restauriert wurde und nun ebenfalls Horden von Touristen anzieht.
Ich fühlte mich in dem schon fast kitschig anmutenden und mit Souvenirshops und westlichen wie auch 'traditionellen' Restaurants voll gestopften Städtchen irgendwie fehl am Platze, hatte ich doch auf dem Weg hierher zahlreiche viel ursprünglichere Dörfer gesehen. Besonders an dem Tag bevor ich Dali erreichte und auf der Suche nach einer der spärlichen Campingmöglichkeiten in dieser dicht besiedelten und landwirtschaftlich intensiv genutzten Gegend von der Strasse abbog. Ein steiniger Feldweg führte zwischen Reis- und Gemüsefeldern zum Ufer des Sees hinunter, das von winzigen Bauerndörfern gesäumt ist. Sogleich fand ich mich in einer völlig anderen Welt wieder. Bunt gekleidete Frauen in traditionellen Trachten brachten Ladungen von Gemüse in geflochtenen Bambuskörben von den Feldern zurück, während die alten Männer im Schatten eines grossen Baumes auf dem Dorfplatz zusammen sassen und ihre selbst gerollten Zigarren aus runzeligen Tabakblättern durch riesige Wasserpfeifen aus Bambusrohr rauchten.
Von allen Seiten erhielt ich etwas überraschte, aber durchaus freundliche Blicke, während ich auf winzigen Pfaden durch die beinahe zusammenhängende Kette von Dörfern steuerte und dabei ständig ein paar faul herumliegenden Hunden oder Respekt einflössenden Wasserbüffeln ausweichen musste. Bei einer kurzen Pause am Ufer lud mich ein Fisher spontan ein, ihn in seinem Boot beim Auslegen der Netze zu begleiten. Der Anzahl der Fischer nach zu urteilen ist der See offenbar eine wichtige Einkommensquelle für viele Familien, denn Fisch steht auf dem chinesischen Speiseplan weit oben.

Nach diesem kurzen Zwischenhalt in Dali machte ich mich auf den Weg in die Metropole Kunming, der Provinzhauptstadt dieser südwestlichen Region Yunnan. Dort hatte ich vor, eine etwas längere Pause einzulegen und mich unter Anderem um Visas für die Weiterfahrt zu kümmern. Schliesslich habe ich schon bald die südlichste Spitze von China erreicht und werde von hier aus bald nach Laos weiter reisen.
Die Einfahrt in die Stadt gestaltete sich zu einem wahren Albtraum, da der Verkehr auf der sonst recht ruhigen Landstrasse plötzlich massiv zunahm. Kolonnen von Lastwagen und allen möglichen sonstigen Gefährten bahnten sich ihren Weg über die hügelige Strecke, und hüllten mich besonders an den steilen Anstiegen regelmässig in schwarze Abgaswolken. Immerhin war so der Weg in die Stadt hinein einfach zu finden und schon wenig später konnte ich in der Wohnung von Michael, einem hierher ausgewanderten Amerikaner, eine dringend nötige Dusche geniessen.

Die folgende Woche gestaltete sich ziemlich lebhaft, geprägt von viel Nachtleben und wenig Schlaf. Dank Michael hatte ich schnell einige Leute kennen gelernt und so war ich mit ihnen ständig irgendwo unterwegs.
Auch wenn das sonst nicht so meine Art ist, genoss ich diese Abwechslung zum sonst eher ruhigen und einsamen Radleralltag sehr.

Doch nun endlich zu diesem eingangs angekündigten Zwischenfall. Am Tag vor meiner Abreise war ich nochmals mit dem Velo in der Stadt unterwegs um ein paar letzte Dinge zu erledigen. Während einer kurzen Mahlzeit in einem Restaurant geschah das absolut Unerwartete: mein Velo wurde gestohlen, das ich in Sichtweite vor dem Restaurant geparkt und abgeschlossen hatte! Ich konnte erst gar nicht fassen, was innerhalb so kurzer Zeit geschehen war und realisierte erst später beim endlos langen Polizeirapport das Ausmass dieses Ereignisses. Mein treuer und verlässlicher zweirädriger Begleiter, mein bester Freund auf tausenden von Kilometern war einfach verschwunden, in den Händen von einem dreisten Dieb der nicht annähernd eine Ahnung haben konnte, was für einen nicht nur materiellen, sondern viel mehr emotionalen Verlust er mir da zugefügt hatte!

Nachdem ich den ersten Schock ein wenig verdaut hatte, musste ich mir natürlich bald Gedanken über den weiteren Verlauf meiner Reise machen. Eigentlich gab es da gar nicht viel zu überlegen. Der Entschluss, dass die Reise wie geplant, wenn auch mit ein bisschen Verzögerung weiter gehen soll, stand für mich bald fest. Nun ging es bloss darum, wieder ein brauchbares Reisevelo zu finden, etwas das sich als schwieriger herausstellte als ich erst gedacht hatte. Hier in der Stadt gibt es zwar einige ganz gute Fahrradgeschäfte mit allen möglichen Komponenten im Angebot, doch sind diese viel mehr auf Mountainbike- und Strassenrennsport als auf Velotouren ausgelegt. So ein Ultraleicht-High Tech Gefährt ist genau das Gegenteil von dem was ich als schwer bepacktes Reisevelo für lange Strecken gebrauchen kann!
Nun bin ich noch daran, verschiedene Möglichkeiten abzuklären. Ich habe sogar schon das Angebot erhalten, ein gleiches Velo wie mein Gestohlenes aus der Schweiz geschickt zu bekommen, und denke nun, dass diese Möglichkeit wahrscheinlich längerfristig die befriedigenste Lösung darstellen würde. Nun muss ich erst noch sicherstellen, dass das mit dem Versand und der Einfuhr nach China auch wirklich alles funktioniert.
Jedenfalls möchte ich an dieser Stelle meinem Freund Raphael (www.speedscript.biz) ganz herzlich für sein grosszügiges Angebot danken, wie auch Clemens und Ernst vom Velodrom Bodensee (www.velodrom.ch), die sich sofort dazu bereit erklärt haben mir einige zusätzlich benötigte Teile zu schicken! Ganz, ganz herzlichen Dank, ihr habt mir an diesem entscheidenden Punkt sehr viel geholfen! Ebenfalls sehr gefreut und aufgestellt habt mich all die Teilnahme von den verschiedensten Leuten, und ich möchte mich hier bei Allen für die gut gemeinten und aufmunternden Emails bedanken!

Nun werde ich voraussichtlich noch etwas Zeit hier verbringen müssen und hoffe, dass ich in etwa zwei Wochen wieder unterwegs sein kann. Ich werde euch jedenfalls über die kommenden Ereignisse auf dem Laufenden halten und habe im nächsten Bericht hoffentlich mehr Erfreuliches zu erzählen!

Bis dahin sende ich euch liebe Grüsse aus dem nach wie vor faszinierenden China.

Roman
 

   
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