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13. Reisebericht vom 23.10.06 'Durch Osttibet'
Position: Lijiang, Suedwestchina, Km: 16'650
Koordinaten: N 26º 52' 23,0" E 100º 13' 10,2"

Die vergangenen Wochen waren geprägt von einer nochmals sehr anstrengenden Fahrt mit vielen Höhenmetern, gleichzeitig aber auch einer erfreulich abwechslungsreichen Landschaft. Da sich in dieser Region einige der grössten Flüsse Asiens tief in die Erdkruste gefressen haben, erlebte ich einige rekordverdächtig lange Abfahrten wie auch Aufstiege, und habe schliesslich Tibet hinter mir gelassen und fahre jetzt südwärts durch die Provinz Yunnan.

Kaum hatte ich den ersten Pass nach Lhasa überwunden, änderte die Landschaft schlagartig. Plötzlich wuchs an den Talseiten wieder Wald, erst waren es schon herbstlich farbige Birken und Weidenbüsche, weiter unten wurden sie abgelöst durch weitläufige Tannen- und Föhrenwälder. Ich genoss diesen Wechsel ungemein, hatte ich doch vorher in Westtibet über einen Monat lang keinen einzigen Baum gesehen! Auch das Zelten machte so wieder viel mehr Spass, denn schöne Lagerplätze waren meist einfach zu finden und ein kleines Lagerfeuer am Abend trug zur gemütlichen Stimmung bei.

Nach dem nächsten Pass von knapp 5000 m Höhe, wo ich von einem heftigen Hagelschauer überrascht wurde, ging es in einer kaum enden wollenden Abfahrt rasant in ein weiteres Hochtal hinunter. Die weiss getünchten Steinhäuser, Alpweiden mit friedlich weidenden Yaks und herbstlich gelbe Lärchenwälder liessen plötzlich Erinnerungen ans Engadin aufkommen, sehr viel anders sah es hier wirklich nicht aus!
Die Abfahrt war noch längst nicht zu Ende und führte durch ein immer enger und felsiger werdendes Tal schliesslich in die Schlucht des Parlung Tsangpo auf nur noch 2000 m Höhe hinunter. Nicht weit entfernt fliesst dieser wilde Fluss in den Yarlung Tsangpo oder Brahmaputra River, dessen Oberlauf ich schon früher gefolgt bin, und bildet dort wo er sich zwischen zwei 7000er Gipfeln hindurch zwängt eine der tiefsten Schluchten der Erde.
Das Klima in dieser wie ein Schild verriet dritttiefsten Schlucht der Welt (über 3500 m tief), in der ich mich gerade befand, war schon richtig subtropisch feucht und recht warm. Entsprechend wuchs auch der Wald an den steilen Hängen ungemein üppig und bildete ein schier undurchdringliches Dickicht, aus dem Bambusbüschel und Schlingpflanzen auf die Strasse herunter hingen. Gelegentlich flatterte ein bunter Schmetterling vorbei und in den Bäumen zwitscherten Scharen von Vögeln, während ich mich auf der seit Lhasa erstmals wieder ungeteerten 'Dschungelpiste' vorwärts kämpfte. Unglaublich dieser Wechsel, der sich innerhalb von nur ein paar wenigen Stunden vollzogen hatte! Ich konnte es kaum glauben, dass ich noch gleichentags auf der Passhöhe geschlottert und meine dicken Handschuhe hervorgekramt hatte, während mir nun der Schweiss bloss so herunter lief!

Bald hatte ich den tiefsten Punkt erreicht und nun begann der wahrscheinlich längsten Aufstieg, den ich je gefahren bin. Auf etwa 250 km Länge wand sich die Strasse an einigen winzigen Dörfern mit richtigen Blockhäusern vorbei zum wunderschön gelegenen Rawu See hinauf, von wo aus der Schlussanstieg zum folgenden Pass begann.
Auf dessen Rückseite erwartete mich wieder das völlige Gegenteil des vorangegangenen Tals. Karge und trockene Berghänge erinnerten wieder stark an Westtibet, wie auch die typische Kleidung und Häuser der Leute, die gerade die letzte Getreideernte einbrachten.

Unterwegs traf ich mehrmals Pilger auf dem Weg nach Lhasa. Oft waren sie nicht einfach zu Fuss unterwegs, sondern warfen sich jeweils der Länge nach ausgestreckt zu Boden, standen wieder auf, stellten sich dort hin wo ihre Fingerspitzen den Boden berührt hatten und warfen sich erneut hin. Auf diese Weise massen sie die ganze Strecke nach Lhasa mit ihrem eigenen Körper ab. Ich war ungeheuer beeindruckt von diesen Leuten, wusste ich doch selbst, wie lange und mühsam die Strecke nur schon mit dem vergleichsweise schnellen Velo war!

So ging es weiter über eine ganze Serie von Pässen, die mich nochmals richtig forderten, mit weiterhin so extremen landschaftlichen und klimatischen Wechseln. Eine Weile folgte ich dem Mekong River in seinem staubig-trockenen Tal, danach ging es über eine weitere Hügelkette und an den Meilixue Bergen vorbei ins Tal des Yangtze hinunter, wo ich zunehmend mehr exotische Früchte an den zahlreichen Obstbäumen entdeckte und nun Wasserbüffel an Stelle von Yaks vor die Pflüge gespannt waren. Auf diesen letzten Pässen geriet ich mehrmals in heftige Schneeschauer, während ich in tieferen Lagen meist angenehm sonniges und mildes Herbstwetter geniessen durfte.

Vor etwas über einer Woche habe ich den Tibet verlassen und befinde mich nun in der Provinz Yunnan im Südwesten von China. Diese Region ist bekannt für die vielen verschiedenen hier lebenden Volksgruppen, wie auch für ihre landschaftliche Schönheit und gutes Essen. So gönne ich mir jetzt einige Tage Pause in Lijiang, das bekannt ist für seine wunderschöne und ursprüngliche Altstadt des Naxi Stammes. Von der UNO zum Weltkulturerbe ernannt, zieht der Ort Unmengen von chinesischen wie auch westlichen Touristen an, so dass in den engen Gassen oft ein richtiges Gedränge herrscht. Nach einer Weile Herumspazieren in der zugegebenermassen sehr sehenswerten Altstadt und an den unzähligen Souvenirshops und überteuerten Cafes vorbei, hatte ich bald wieder genug von dem ganzen Rummel und zog mich lieber wieder in den neueren chinesischen Teil der Stadt zurück, wo es auch viel zu entdecken gibt. In der Umgebung der Stadt wachsen eine Viezahl von Gemüse und verschiedenen Früchten, die auf den Märkten nebst allem möglichen Getier lautstark zum Verkauf angeboten werden. Ich versuche zum Teil erfolgreich meine knappen Sprachkenntnisse beim Feilschen mit den Händlern aus, die von westlichen Touristen häufig schamlos überhoehte Preise verlangen oder probiere von den überall angebotenen und mir meist unbekannten Speisen. Von einem Restaurant, das in der Auslage Delikatessen wie lebende Mehlwürmer, Maden und ähnliches Krabbelgetier anbot, konnte ich mit der Entschuldigung auf eine mir kürzlich zugezogene Magenverstimmung problemlos Abstand nehmen... ich muss ja auch nicht alles probiert haben!

Zum ersten Mal seit meinem bald dreimonatigen Aufenthalt hier befinde ich mich nun im 'richtigen' China, und die häufig sehr fremd anmutende Kultur dieses faszinierenden Landes hat mich in seinen Bann gezogen und ich versuche mehr darüber zu lernen und sie zu verstehen.
Nun habe ich gerade mein Visum um einen Monat verlängert, so bleibt mir noch viel Zeit um gemütlich nach Kunming und weiter Richtung Laos zu Radeln. Südostasien ist schliesslich nicht mehr weit entfernt!

Bis dann und liebe Grüsse,

Roman
 

   
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