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Reisebericht vom 22.09.06, 'Langer Weg nach Lhasa'
Position: Lhasa, Tibet/China, Km: 14'650
Koordinaten: N 29º 38' 50 "E 91º 01' 01"Vor ein
paar wenigen Tagen bin ich nach gut anderthalb Monaten mühsamer und
anstrengender Fahrt durch den westlichen Teil Tibets schliesslich
hier in Lhasa angekommen und hätte damit ein weiteres wichtiges
Etappenziel meiner Reise erreicht!
Leider kann ich euch diesmal nur ein paar wenige Bilder der
vergangenen Wochen zeigen, da mir gestern hier in der Stadt meine
Kamera mitsamt dem Fotospeicher gestohlen wurde. Für mich natürlich
ein riesiger Verlust, besonders was die Bilder der bisherigen Reise
betrifft! Zwar habe ich den grössten Teil der Fotos jeweils auf DVD
gebrannt und nach Hause geschickt, doch die vergangenen zwei Monate
fehlen nun völlig, abgesehen von den paar Bildern die ich noch auf
meiner Kompaktkamera gespeichert hatte.
Doch genug davon, und ich werde natürlich weiterhin in der Gegend
herum knipsen und euch ein paar Ausschnitte meiner Reise zu zeigen
versuchen.
Jedenfalls ging es von Ali aus wieder ähnlich
weiter wie zuvor, karge und weite Landschaften, immer noch recht
viel Regen und mühsamer Gegenwind.
Unterwegs hielt ich in einem kleinen Dorf am Fusse des Mount Kailash,
der von den Buddhisten als Sitz der Götter verehrt wird und
unternahm wie viele andere Pilger und auch Touristen die 'Kora'.
Diese Umrundung des Berges zu Fuss soll der spirituellen Reinigung
dienen, fuer mich war es ehrlich gesagt eher eine leicht
enttäuschende und lange Tageswanderung, denn der Gipfel blieb
hartnäckig den ganzen Tag in dichte Wolken gehüllt. Dabei hatte ich
mich am Meisten auf ein paar spektakuläre Ansichten dieses schroffen
Berges gefreut!
Bei der Weiterfahrt wurde die Landschaft nun
zunehmend etwas grüner, und so traf ich immer mehr Nomaden, die mit
ihren zum Teil riesigen Herden von Yaks, Pferden und Ziegen durch
die weiten Flussebenen zogen. Spätestens als dann am Horizont noch
einige zum Teil ziemlich eindrückliche Gipfel der Himalayakette an
der Grenze zu Nepal erkennbar wurden, war das Bild von Tibet schon
fast perfekt. Schneeberge, tiefblaue Seen, zottelige Yaks, bunt
gekleidete Frauen, Einladungen zu Tee und Tsampa (Gerstenmehl, mit
Yakbuttertee verrührt das Grundnahrungsmittel der Tibeter
schlechthin), ...
Ich war fast ein wenig überrascht zu sehen, wie traditionell die
Menschen hier noch leben und freute mich natürlich, mein zuvor eher
etwas negatives Bild vom Tibet revidieren zu können. Leider erhielt
dies später wieder einen Dämpfer, als ich den Tibethighway, dem ich
nun schon bald 2000 km gefolgt war, südwärts verliess und mich der
Hauptroute nach Katmandu (Friendship Highway) und der nepalesischen
Grenze näherte. Bevor ich richtig wusste was los war, bekam ich von
den Einheimischen bloss noch überall die Hand hingestreckt, meist
mit den auffordernden Worten "Hello, money!" oder einer Handbewegung
zum Mund kombiniert. Nicht dass dies eine Einladung zum Essen oder
so bedeutet hätte wie ich mir das noch von vorangegangenen Ländern
gewohnt war, im Gegenteil, die Leute wollten natürlich was von mir.
Ich staunte aber bald nicht mehr über diesen plötzlichen Wechsel,
spätestens nachdem mich ganze Busladungen von All-inclusive
Touristen oder geführte Gruppen von Mountainbikern in knalligen
Dresses und mit Begleitfahrzeug überholt hatten. Der Friendship
Highway, also die Route von Lhasa nach Kathmandu, ist wahrscheinlich
die meistbereiste Strecke im Tibet und bietet sich geradezu an für
einen Kurzurlaub und schnellen Augenschein dieser Gegend an (ich bin
mir ja bewusst, dass sich die Wenigsten in der luxuriösen Situation
befinden, monatelang unterwegs sein zu können...!).
Mein Ziel war aber das Basecamp am Nordfuss des Mount Everest, und
so war ich froh, bald wieder von dieser Strasse auf kleinere und
bisher raueste Pisten überhaupt abzweigen zu können. Die Fahrspur
führte häufig einfach durch ein Flussbett mit grobem Geröll oder
dann über solche sandig-weichen Abschnitte, dass ich öfter absteigen
und mein Velo schieben musste. Trotzdem gelangte ich immer höher
hinauf und wurde schliesslich mit einigen unvergesslichen Ansichten
dieses gewaltigen Gipfels und seiner momentan tief verschneiten
Nordwand belohnt. Hätte die Bilder natürlich gerne mit euch
geteilt...
Von da aus war es schliesslich bloss noch ein
Katzensprung nach Lhasa, und ich staunte dabei besonders über den
plötzlichen Landschaftswechsel. Die Strasse folgte oft dem
Brahmaputra-River, der sich nach der Durchquerung der Himalayakette
regelmässig über das Tiefland von Bangladesh ergiesst, und gelangte
damit seit Langem wieder einmal unter die 4000 m - Grenze. Plötzlich
wuchsen in diesem sehr grünen Flusstal wieder Büsche und bald darauf
sah ich erste Bäume, überall wurde Getreide angebaut und sogar
Gemüse und Wassermelonen wuchsen hier. Momentan war gerade die
Getreideernte in vollem Gange, und oft begleitete mich der Gesang
der Arbeiter, die im Rhythmus die Sicheln schwangen und die
geernteten Halme zu Garben banden. Wunderschön romantische Bilder...
Die Einfahrt nach Lhasa gestaltete sich für mich
zu einem mittleren Schock. Plötzlicher laermiger Verkehr, Scharen
von Menschen zu Fuss oder auf Fahrraeden, überall knallig-bunte
Reklameschilder und unleserliche chinesische Beschriftungen liessen
mich ziemlich abrupt in die Wirklichkeit der modernen Zivilisation
zurück kehren.
Ich staunte über die Ausmasse dieser mittlerweile hauptsächlich
chinesischen Stadt, bewunderte als Erstes das Potala, den gewaltigen
Palast des im Exil lebenden Dalai-Lama, und war auch freudig
überrascht, einen noch recht originalen alten und somit tibetischen
Teil der Stadt zu entdecken. Scharen von Pilgern schienen von
überall her angereist zu kommen, ebenso natürlich Massen von
westlichen und asiatischen Touristen. Während die Einen überall ihre
Kameras vorstreckten, warfen sich die Anderen vor den Tempeln der
Länge nach zu Boden, drehten ihre Gebetsmühlen in tiefer Versenkung
oder huldigten auf andere Weise den buddhistischen Gottheiten.
Ich gönne mir seit Langem wieder einmal eine
dringend benötigte Pause, da mich die Fahrt hierher ziemlich
gefordert hat. Auch gäbe es in der Stadt und der näheren Umgebung
viel zu sehen, doch meist bringe ich kaum die Energie auf, grössere
Ausflüge zu unternehmen und schlafe lieber lange, schaue
chinesisches Fernsehen oder leiste mir ein feines Essen.
Schliesslich steht mir noch ein weiterer Monat Fahrt durch den
östlichen Teil von Tibet bevor, und damit viele weitere Pässe und
anstrengende Kilometer. Doch ich freue mich schon sehr auf diesen
Abschnitt, da er landschaftlich sehr schön und abwechslungsreicher
sein soll.
Ich werde euch nächstes Mal mehr davon berichten.
Bis dann und liebe Grüsse, Roman
PS: Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich einmal
herzlich bedanken für alle eure aufmunternden Emails und
Gaestebucheintraege! Falls ihr vielleicht mal keine Antwort von mir
bekommt kann es daran liegen, dass das Mail in einem chinesischen
Filter hängen geblieben ist. Die chinesische Regierung ist nämlich
ziemlich Paranoid was das Internet betrifft und kontrolliert den
gesamten Emailverkehr und die Websites. Sogar meine eigene Seite
haben sie blockiert und ich habe hier innerhalb des Landes keinen
Zugang dazu! Also, vielleicht besser zweimal schicken...!
Roman