|
|||||
|
11.
Reisebericht vom 23.08.06 aus Ali/Shiquanhe, Tibet-China, 'Tibet' Nach ein paar Tagen Aufenthalt in Kashgar schwang
ich mich schliesslich wieder auf mein Velo und suchte den Weg zur
Stadt hinaus. Etwas ausserhalb staunte ich über die Kolonnen von
Eselkarren, die auf der grossen Hauptstrasse unterwegs waren und von
den zahlreichen Lastwagen in oft halsbrecherischen Manövern überholt
wurden. Auf den Wagen sassen meist ganze Uygurenfamilien, zusätzlich
waren sie meist noch beladen mit Gütern und Tieren aller Art. Nachdem ich eine Weile durch den ungeheuer lebhaften und weitläufigen Basar geschlendert war und die Gelegenheit zum Fotografieren benützt hatte, radelte ich schliesslich noch weiter. Während zwei Tagen führte die Strasse topfeben am Rande der Takla Makan Wüste entlang, wobei ich bloss ein paar wenige Wüstenabschnitte zu sehen bekam. Meist ist die Gegend ausreichend bewässert und entsprechend landwirtschaftlich genutzt, so dass ich ständig durch üppig grüne Landschaften fuhr. Ausgerechnet gegen Abend des ersten Tages aber geriet ich in einen längeren einsamen Wüstenabschnitt hinaus ohne dies so richtig zu realisieren, und wurde mittendrin prompt von einem heftigen Gegenwind überrascht. An Fahren war nicht mehr zu denken, und so suchte ich mir ein halbwegs geschütztes Plätzchen zum Übernachten, während ich meine knappen verbleibenden Wasserreserven möglichst sparsam einzuteilen versuchte. Am folgenden Morgen ging es dann glücklicherweise wieder ungehindert weiter, und ich erreichte ohne weitere Probleme den nächsten Ort und damit eine Gelegenheit zum Wasser auffüllen. Bald zweigte ich von dieser grossen Hauptstrasse
ab auf den Tibet-Xinjiang Highway, welcher als eine der wenigen
Verbindungen nach Tibet hinein und bis in die Hauptstadt Lhasa
führt. Bald führte die Strasse leicht aber stetig bergaufwärts, und
nach dem ersten Tag war es dann auch mit dem Teer vorläufig zu Ende.
Von nun an ging es unter mehr oder weniger mühsamen Verhältnissen
lange hoch zum ersten Pass auf der Strecke, mit etwas über
dreitausend Metern Höhe gerade mal richtig zum Einfahren (manche
Leute bemerken scherzhaft, dass es auf dieser Route bloss einen
dreitausender Pass gebe... alle Anderen sind nämlich höher!). Nach
einer längeren Abfahrt führte die Strasse schon ein weiteres
felsiges Tal hinauf und nach einem langen und anstrengenden Aufstieg
über einen Pass von mehr als 4800 Metern, kurz darauf gefolgt von
einem Zweiten mit einer ähnlichen Höhe. Trotzdem wurde das Vorwärtskommen nicht viel einfacher, denn die Strassenverhältnisse waren oftmals schlicht haarsträubend, entweder mit vielen groben Steinen und Geröll oder dann sandig und weich. Fuer Radfahrer am Unangenehmsten aber ist die so genannte Wellblech- oder Waschbrettpiste, wenn regelmässige kleine Wellen im Belag quer zur Fahrtrichtung alle Freude am Fahren nehmen und man bloss noch heftig durchgerüttelt wird. Dazu kamen noch die extremen klimatischen Bedingungen wie starker Wind, stechend heisse Sonne oder erste Nachtfröste, sowie unerwartet heftige Gewitter und Hagelschauer, denn momentan herrscht hier noch Regenzeit. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass es in dieser eigentlich sehr trockenen Gegend so ausgiebig regnen kann. In einer riesigen wüstenartigen Ebene geschah es dann prompt, dass Bäche die etwas erhöhte Strasse an zahlreichen Stellen durchbrochen und überflutet hatten. Eine erste solche Stelle konnte ich noch passieren, indem ich mein Fahrrad auf einen Lastwagen verlud. Bei der Nächsten kamen auch sie nicht mehr durch und so staute sich eine lange Kolonne, während wir den Tag geduldig wartend verbrachten. Erst gegen Abend hatte sich der Wasserspiegel so weit gesenkt, dass ich hindurch waten und mein Velo und die Ausrüstung trocken ans andere Ufer bringen konnte. Auch ein paar mutige Lastwagenfahrer versuchten die Querung, blieben aber immer gleich stecken und mussten von einem anderen Fahrzeug wieder herausgezogen werden. Erst drei Tage später wurde ich von ihnen schliesslich wieder eingeholt, nachdem ich selbst noch zahllose weitere Bäche durchwatet hatte und an mehreren stecken gebliebenen oder gar umgekippten Fahrzeugen vorbei gekommen war. Lastwagen machen den Hauptteil des Verkehrs auf dieser Strasse aus, da jegliche Güter für die wenigen Dörfer unterwegs und vor allem für die Stadt Ali hier über tausend Kilometer weit auf dieser Strecke transportiert werden. Entsprechend viel höher als im sonst eigentlich sehr günstigen China sind dann auch die Preise für Lebensmittel und andere Waren hier im Tibet, wenn man den beschwerlichen Transport rechnet überhaupt nicht erstaunlich! Vom eigentlichen Tibet, besonders von den Menschen hier und ihrer Kultur habe ich bisher noch nicht viel zu sehen und spüren bekommen. Einerseits traf ich in den einsamen Gegenden bisher allgemein wenige Menschen, andererseits ist hier von der einstigen buddhistisch Hochkultur nicht mehr allzu viel vorhanden. Schliesslich wurden vor allem die Mönche seit der Invasion der Chinesen in den 50er Jahren systematisch verfolgt und viele der Kloester zerstört, und die daraufhin folgende 'Kulturelle Revolution' von 1966 - 76 bemühte sich erfolgreich, die tibetische Kultur flächendeckend auszuradieren. Die brutale Unterdrückung gipfelte schliesslich in der Flucht des Dalai Lamas ins Exil nach Indien, und auch heute noch ist der Besitz von Bildern seiner Heiligkeit strengstens verboten. Mittlerweile sollen in der Provinz Tibet schon mehr Chinesen als Tibeter leben, und in den Ortschaften herrscht eine unübersehbar starke Armeepräsenz. Deren Verfügbarkeit wird noch verstärkt durch den ständigen Ausbau der Strassen oder die eben eröffnete Eisenbahnlinie nach Lhasa, zusammen mit der zunehmenden Erschliessung der an Bodenschätzen reichen Region für die boomende Wirtschaftsmacht China und ihren enormen Bedarf an Rohstoffen. Trotzdem ist die Fahrt durch diese ungeheuer weitläufigen und menschenleeren Gebiete immer noch ein Erlebnis und eine Herausforderung der besonderen Art, und ich versuche es möglichst zu geniessen, ohne mir dabei allzu romantische Vorstellungen zu machen, wie es hier vielleicht einst war. Viele Grüsse aus der dünnen Höhenluft und bis zum nächsten Bericht hoffentlich aus Lhasa. Roman |
|||||
|