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10. Reisebericht vom 05.08.06 aus Kashgar, China, 'Durch den Pamir'
Kashgar, Km 11'520
N 39º 28' 15'', E 75º 58' 05''

Nach einer Woche Aufenthalt in Samarkand fühlte ich mich schliesslich so weit erholt, dass ich wieder weiter fahren konnte. Zudem begann mein Visum für Tajikistan nun endlich zu laufen, und so machte ich mich voller Vorfreude auf den Weg zur Grenze. Ich wusste nämlich, dass mich in diesem Land eine Menge Berge und einige ziemlich hohe Pässe erwarteten, etwas worauf ich mich schon lange gefreut hatte.

Doch erst musste ich mir den Weg in das Pamir Gebirge und die Autonome Republik Gorno Badakhshan, wie dieser südliche Teil Tajikistans offiziell genannt wird, erst redlich verdienen. Die Strasse führte nämlich lange Zeit talaufwärts, erst durch ein weites, fruchtbares Flusstal, später verengte es sich teilweise zu einer tiefen Schlucht. Erst nach etwa drei Tagen erreichte ich den Fuss des ersten höheren Passes (knapp 3400 m), und kletterte in endlos erscheinenden Schleifen auf einer enorm schlechten und staubigen, da grösstenteils ungeteerten Strasse zu seinem höchsten Punkt hinauf.

Oben angekommen gab es erst mal eine hübsche Aussicht auf die umliegenden Berghänge mit saftig grünen Alpweiden und im Hintergrund einige vergletscherte Gipfel. Dazu eine willkommene Einladung zum Tee vom Meteorologen, der einen grossen Teil des Jahres einsam hier oben wohnt, da der Pass im Winter unter einer meterdicken Schneedecke begraben ist und deshalb für Fahrzeuge gesperrt bleibt.

Die folgende Abfahrt war wie schon der Aufstieg sehr rau, dafür schier endlos lang und brachte mich zurück auf etwas unter tausend Meter Meereshöhe in die Hauptstadt Dushanbe. Dort verbrachte ich bloss ein paar wenige Tage mit der Beantragung meines Chinavisums, und kaum hatte ich meinen Pass mit einem nagelneuen Dreimonatevisum darin zurück erhalten, verliess ich die Stadt auch schon wieder.

Die folgenden Tage waren wieder ziemlich zäh, denn die Strasse führte in einem beständigen Auf und Ab weiter durch steile Täler aus braunem Fels. Abgesehen von einem tosenden grau-braunen Fluss in der Mitte waren diese Täler meist sehr trocken und karg, und ab Mittag verwandelten sie sich in den reinsten Backofen. Die Strasse verdiente ihre Bezeichnung Pamir-Highway nicht im Geringsten, oft konnte man nach unseren Begriffen kaum mehr von einer Strasse sprechen. Einzig die recht zahlreichen und dank Bewässerungsanlagen üppig grünen Dörfer boten eine willkommene Abwechslung, offenbar nicht nur für mich. Oft vernahm ich schon von Weitem den Ruf 'Tourist!' von ein paar Kindern, und schon kam eine ganze Schar von ihnen an die Strasse geströmt, winkten mir zu, liefen ein Stück mit oder bestaunten mich einfach mit grossen Augen. Auch die Erwachsenen waren nicht weniger neugierig, und so gab es einige erfreuliche Begegnungen bei Tee und Aprikosen frisch vom Baum.

Sprachlich versuchte ich mich jeweils in Russisch zu verständigen, das in allen Republiken Zentralasiens nebst den jeweiligen Landessprachen gesprochen und verstanden wird. Erwähnenswert ist vielleicht auch, dass die Strasse während längerer Zeit direkt der Grenze zu Afghanistan folgt, und so hatte ich oft Gelegenheit, den bärtigen Männern und vollständig verschleierten Frauen in ihren winzigen Bergdörfern auf der anderen Flussseite zuzuschauen. Die Szenen wirkten jeweils sehr friedlich, von Krieg ist in dieser Gegend nichts mehr zu spüren. Wenn dann eher noch auf tajikischer Seite, wo erst vor knapp zehn Jahren ein blutiger Buergerkrieg zu Ende gegangen ist, der das Land wirtschaftlich in den Abgrund gestürzt hat. Zahlreiche Panzerwracks säumen noch immer die Strasse, und die häufigen Minenwarnschilder liessen mich meine Zeltplätze besonders vorsichtig auswählen. So ziemlich alle namhaften Hilfsorganisationen scheinen sich hier niedergelassen zu haben, und helfen den Leuten beim Wiederaufbau einer funktionierenden Infrastruktur (Landwirtschaft, Wasserversorgung) oder bei der Räumung der Minen.

Nach einem weiteren kurzen Zwischenhalt in der Kleinstadt Khorug ging es schliesslich über den ersten 4000er Pass auf das Hochplateau des Pamirs hinauf. Eine faszinierende, aber wiederum sehr raue Gegend erwartete mich hier auf knapp viertausend Metern Höhe. Der grösste Teil der Region besteht aus karger und eintöniger Felswüste, einzig unterbrochen von ein paar tiefblauen Seen und grünen Flussebenen. Dort leben den Sommer über einige halbnomadische Familien in ihren Yurten, die über die weiten Ebenen verstreut sind, und züchten dabei Yaks, Schafe und Ziegen. Ansonsten ist die Gegend sehr lebensfeindlich und grösstenteils unbewohnt, und ich fuhr oft stundenlang dahin, ohne einen anderen Menschen oder ein Fahrzeug zu treffen. Wegen des fehlenden Lichts von Ortschaften war ich dafür jeweils ganz überwältigt, wenn ich nachts mal aus meinem Schlafsack kroch und einen unglaublich klaren Sternenhimmel bewundern durfte.

Auf einer letzten Passhöhe passierte ich schliesslich den tajikischen, und nach einer nahezu mörderischen Abfahrt anschliessend im Tal unten den kirgisischen Zoll. Dort gab es zwar keinen Stempel in meinen Pass (sie hätten leider keinen, doch ich bekomme dann bei der Ausreise nach China schon noch einen, wie mir versichert wurde...), dafür gleich eine Einladung zum Essen und Wodka trinken. Ich versuchte mich möglichst bald zu verabschieden und fuhr aus dem Tal hinaus in eine riesige Flussebene. Die Landschaft hat sich wieder schlagartig verändert: Überall grüne Weiden so weit das Auge reicht, auf denen Herden von Pferden, Yaks und Schafen weiden. Dazwischen verstreut wieder zahlreiche Yurten, und dahinter thront eine gewaltige Mauer von vergletscherten sechs- bis Siebentausendern Gipfeln. Ein gewaltiger Anblick und nur schwer vorstellbar, dass ich diese Kette, die gleichzeitig die Grenze bildet, eben mit dem Velo durchquert hatte!

Ich bereute es schon fast ein wenig, dass ich bloss ein paar wenige Tage im wunderschönen Kirgistan verbrachte, doch es gab hier für mich bloss einen kurzen Abschnitt bis zur chinesischen Grenze zu fahren. Diese überquerte ich wieder einmal in Begleitung von zwei Kollegen die ich kurz vorher getroffen hatte, und so gelangten wir einige Tage später schliesslich nach Kashgar, einer weiteren wichtigen Stadt entlang der Seidenstrasse im Westen des Landes.
Diese Region hier ist noch nicht typisch chinesisch, da es sich um die autonome uygurische Republik handelt. Die Kultur hier gleicht derjenigen von Zentralasien, so sind die Leute grösstenteils Muslime und es wird auch oft kirgisisch gesprochen.
Trotzdem leben natürlich auch viele Chinesen hier, und so ergibt sich ein buntes Gemisch aus verschiedenen Volksgruppen. Der offensichtlichste Unterschied zu vorher ist wahrscheinlich die Schrift, denn von unzähligen Werbetafeln und anderen Schildern prangern unleserliche Zeichen. Auch die Sprache und einfach die komplett andere Kultur ist ziemlich gewoehnungsbeduerftig, und ich habe noch einige Schwierigkeiten mich zu verständigen und einzuleben.
Dafür gibt es so viel Neues und Unbekanntes zu entdecken, dass die wenigen Tage hier in der Stadt wie im Flug vergehen. Ich will nach ein paar letzten Vorbereitungen nämlich bald weiter Richtung Tibet, der nun in erreichbarer Ferne liegt. Schon, wie es mir scheint, denn ich staune gerade wieder einmal wie schnell die Zeit vergeht und kann es noch gar nicht richtig fassen, dass ich nun tatsächlich schon selbst bis hierher geradelt bin!

Bis zum nächsten Mal. Ich werde mich wieder melden, so bald sich eine Gelegenheit dazu findet!

Ich grüsse euch herzlich, Roman
 

   
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