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9. Reisebericht vom 01.07.06 aus Samarkand, Usbekistan, 'An der Seidenstrasse'
Usbekistan, Km 9465
N 39º 39' 25'', E 66º 59' 05''

Wieder einmal bewege ich mich entlang der Seidenstrasse, dieser alten Handelsroute zwischen Europa und Asien. Namen wie Samarkand oder Bukhara sind heute noch eng damit verbunden, da sie ehemals wichtige Oasen und Umschlagplaetze der Karawanen bildeten.

Leider sucht man heutzutage das geschaeftige und bunte Treiben, das hier einst geherrscht haben muss, vergeblich und es faellt mir schwer, das alte Samarkand aus den Maerchen von 1001 Nacht bildhaft vorzustellen.

Doch schoen der Reihe nach. Schliesslich hatte ich endlich mein Visum fuer Turkmenistan im Pass, was sich einigermassen umstaendlich gestaltet hatte, und nun stand mir nichts mehr im Weg, den Iran zu verlassen. Oder fast nichts, denn zuerst waren noch zwei heisse und windige Tage Fahrt bis an den Grenzort zu bewaeltigen, ziemlich geschafft dort angekommen wurde ich als Erstes von einem iranischen Fernsehsender interviewt und gefilmt, und am naechsten Morgen wartete eine wahre Geduldsprobe auf mich, bis sich endlich ein iranischer Beamter dazu bemuehte, meinen Pass abzustempeln und mich ausreisen zu lassen.

Auch der Empfang auf der turkmenischen Seite gestaltete sich nicht viel freundlicher. Hier gab es zwar zahlreiche Beamte, von denen kaum jemand Englisch sprach, und gearbeitet wurde auch, doch es gab auch eine Menge zu erledigen. Formulare ausfuellen, Registrationen, Passkontrolle, und so weiter zogen sich in die Laenge. Als ich endlich meinen Pass abgestempelt zurueck erhielt und mich schon erleichtert aufs Velo schwingen wollte, wurde gleich vehement abgewunken. Nein, wir sind noch laaange nicht fertig....! Gepaeckkontrolle, Deklaration, ... dies ist auch in Russisch nicht schwer zu verstehen, und mir blieb nicht viel anderes uebrig als meine Taschen zu leeren und deren Inhalt der mittlerweile knapp zehn Leute starken Mannschaft zu praesentieren. Zu guter Letzt wurde die Uhr noch um anderthalb Stunden vorgestellt, und damit war Mittag laengst vorbei, als ich schliesslich nach einem allerletzten Militaerkontrollposten in die flimmernde Hitze der turkmenischen Steppe entlassen wurde.

Das Thermometer war schon wieder weit ueber die 40 Grad Marke geklettert, der Wind schien immer aus der gleichen und natuerlich mir entgegengesetzten Richtung zu wehen, und der aufgeweichte Teer der sowieso schon schlechten Landstrasse liess meine Fahrfreude auch nicht gerade ansteigen. Doch ausser einem weiteren Kontrollposten mit zwei schwitzenden und unglaublich gelangweilten Uniformierten kam erst mal lange nichts und mir blieb nichts anderes uebrig, als weiter in die Pedale zu treten.

Im ersten Dorf hielt ich noch so gerne an, da ein paar Kinder am Strassenrand herrlich kuehles Trinkjoghurt verkauften. Ich blieb eine Weile sitzen und wurde schon bald von einer ungemein netten Familie zum Mittagessen eingeladen. Ich muss ziemlich geschafft ausgesehen haben, denn die Mutter setzte mir immer noch mehr Essen vor und liess nicht locker, bis ich alles aufgegessen hatte... danach lehnte ich auch den Wodka nicht mehr ab, den nun der Papa auftischte und schliesslich brauchte es auch nicht mehr allzu viel Ueberzeugungsarbeit der Beiden, dass ich gleich ueber Nacht blieb.

So erging es mir fast waehrend des gesamten kurzen Aufenthaltes (leider bekommt man selten mehr als ein sieben Tage gueltiges Transitvisum) in diesem Land. Fast jede Nacht wurde ich mit der groessten Selbstverstaendlichkeit in ein Haus eingeladen und lernte bald ein paar Brocken Russisch und Turkmenisch, da Englisch nur selten gesprochen wurde.

Dafuer war die Fahrt durch die Garagum Wueste, die einen Grossteil des Landes bedeckt, ein wenig eine Haerteprobe in Bezug auf Hitze und Eintoenigkeit. Abwechslung boten einzig die wenigen Ortschaften, die dank aufwendiger Bewaesserung meist sehr gruen waren, einige Dromedarherden am Strassenrand und zahlreichen weiteren Kontrollposten, wo ich jeweils bloss aus Neugierde der Beamten angehalten wurde und mir ein paar derbe Witze anhoeren musste... vielleicht besser, dass ich nicht alles verstand.

Der folgende Grenzuebertritt nach Usbekistan verlief dann ganz unerwartet freundlich und speditiv, das pure Gegenteil meiner letzten Erfahrung. Ich freute mich, als ich wenig spaeter Bukhara erreichte und mich in einem kleinen und familiaeren Hotel einquartierte und mir eine dringend benoetigte Pause goennte. Turkmenistan ist zwar fast voellig flach, wegen der Hitze (hier werden Temperaturen von ueber 50 Grad C gemessen!) und des bestaendigen Windes aber recht anstrengend zu fahren.

Zudem hatte ich mir eine unangenehme Infektion des Verdauugstraktes zugezogen und entfernte mich fuer ein paar Tage nicht gerne zu weit von der naechsten Toilette... Die hygienischen Bedingungen waren seit dem Iran offenbar massiv gesunken, denn ich hoerte von fast allen anderen Velotourern, dass es ihnen aehnlich ergangen ist!

Nach ein paar Tagen Aufenthalt in dieser entspannten und ruhigen Kleinstadt nahm ich schliesslich die naechste Etappe bis Samarkand in Angriff. Zwar fuehlte ich mich noch laengst nicht richtig erholt, dafuer war fast die gesamte Strecke flach und mit wenig Anstrengung zu fahren. Auch hier fand sich bald ein angenehmes Hotel, das sich mittlerweile zu einem richtigen Velotreff gemausert hat. Ich traf einige Leute von frueher wieder sowie noch einige weitere Velotourer, insgesamt wahrscheinlich mehr als auf der ganzen bisherigen Reise! Natuerlich gibt es immer viel zu erzaehlen und Informationen auszutauschen, und so vergehen die Tage wie im Flug. Dazwischen besuchte ich natuerlich auch einige der Sehenswuerdigkeiten dieser historisch wichtigen Stadt, die zu einem grossen Teil aus der Zeit des maechtigen Herrschers Timur stammen (etwa 15. Jahrhundert). Diese Bauten, hauptsaechlich Moscheen, reich verzierte Maedressen (islamische Akademien) oder Mausoleen (Grabmaeler) sind zwar wie schon erwaehnt recht eindruecklich, doch leider auch recht steril, ohne Leben und Charakter. Einzig auf den wie ueberall in Asien sehr lebhaften Basaren laesst sich noch ein feiner Hauch von Seidenstrassenromantik verspueren, oder vielleicht auf dem Land, wo noch Kamele ueber die Strasse trotten und von Esel gezogene Karren so haeufig sind, dass ich sie kaum mehr wahrnehme.

Nun muss ich mir noch ueberlegen, wie ich die naechsten Tage verbringen moechte. Mein tajikisches Visum beginnt erst in einigen Tagen und ich dachte erst, dass ich noch einen Ausflug in die Hauptstadt Tashkent mache um mich um das chinesische Visum zu kuemmern. Doch nun habe ich gerade erfahren, dass ich das besser in Dushanbe in Tajikistan erledige und so bleibt mir noch etwas Zeit. Vielleicht bleibe ich ja auch einfach hier und erhole mich noch so richtig vor der bevorstehenden laengeren Bergetappe.

Jedenfalls bis zum naechsten Mal.

Ich gruesse euch herzlich, Roman

 

   
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