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7. Reisebericht vom 22.05.06 aus Teheran, Iran 'Teheran'
Iran, km 7450
N 35º 46' 59'', E 51º 25' 44''

Nach ziemlich genau 100 Tagen ‚on the road' und schon mehr als einem Drittel der Strecke hinter mir, bin ich vor kurzem hier in Teheran angekommen. Nun geniesse ich wieder einmal ein paar velofreie Tage und sogar feines schweizer Essen bei einer Familie die seit über einem Jahr hier lebt und arbeitet und mich freundlicherweise zu sich eingeladen hat.

Ich staune manchmal, wie sehr das Velofahren für mich mittlerweile zur Selbstverständlichkeit, ja zum Alltag geworden ist. Ein typischer Tag sieht bei mir etwa so aus, dass ich meist bei Sonnenaufgang erwache (ist hier schon etwa um 5.00 Uhr) und mir als Erstes Kaffee und Frühstück zubereite. Danach breche ich das Zelt ab und packe alles aufs Velo und so zwischen sechs und sieben Uhr fahre ich schon los. Um diese Tageszeit ist es noch angenehm kühl, doch die Sonne steigt schnell höher und schon am Vormittag kann es unangenehm heiss werden. Manchmal halte ich unterwegs kurz oder lasse mich von Leuten zum Tee einladen, je nachdem wie motiviert ich zum Fahren bin. Am Liebsten fahre ich aber morgens schon eine grössere Strecke und lege dafür am Mittag eine längere Pause ein, bis sich die grösste Hitze ein wenig legt. Danach geht es nochmals zwei bis drei Stunden weiter, je nach Gelegenheit mit einem Halt zum Einkaufen, Wasser auffüllen und was sich sonst noch so anbietet. Gegen Abend suche ich mir dann wieder einen Platz zum Zelten, am Liebsten etwas unauffällig abseits der Strasse. Danach koche ich mir meist eine einfache Mahlzeit aus Teigwaren oder Reis und Gemüse, und verbringe den Abend mit Lesen, Schreiben oder kleineren Arbeiten am Velo und meiner Ausrüstung. Nach 19.00 Uhr dunkelt es bereits und ich lege mich jeweils früh schlafen, damit mein Körper für den nächsten Tag wieder genügend erholt ist.

Das Teetrinken ist hier wie schon in der Türkei ein typisches Ritual und wird bei jeder Gelegenheit praktiziert. Oft beobachte ich Leute sich während des Autofahrens ein Glas einschenken, und von einem Picknick ist die Thermoskanne und ein Gaskocher nicht wegzudenken, gleich wie auf der Baustelle oder bei einer sonstigen Arbeit.
Dabei wird der Schwarztee immer aus kleinen Gläsern getrunken, dazu serviert wird Würfelzucker in einer kleinen Dose. In der Türkei gab es jeweils noch einen Löffel dazu, hier im Iran sucht man diesen vergeblich und es wird einfach ein Stück Zucker in den Mund genommen und der Tee hindurch gesaugt.
Zum Essen gibt es zu jeder Mahlzeit Fladenbrot, das in verschiedenen Dicken erhältlich ist und besonders frisch sehr gut schmeckt. Dieses wird als Zwischenmahlzeit oft mit etwas Butter, Käse oder Yoghurt gegessen. Hauptmahlzeiten bestehen meist aus Reis und einem Eintopfgericht mit Fleisch, gelben Erbsen und Gemüse, oder vor allem in den Restaurants aus einfachen Fleischspiessen mit Brot und Salat serviert.

Interessant und für mich ziemlich wichtig finde ich die Gestik der Leute, da sie oft die Sprache ersetzt. Für ‚Nein' oder ‚nicht' wird zum Beispiel nicht der Kopf geschüttelt, sondern dieser leicht zurückgeworfen, je nach Heftigkeit unterstützt von einem gleichzeitigen Anheben der Augenbrauen oder einem leichten Zungenschnalzen. Für ‚Danke' reicht es meist aus, wenn man sich die rechte Hand aufs Herz legt und sich ganz leicht verbeugt, oft zusammen mit einem herzlichen ‚Choda Hafiz' zur Verabschiedung. Etwas mühsamer ist oft, wenn ich nach dem richtigen Weg frage. Häufig wird dann einfach unbestimmt in eine Richtung gewunken, die alles im Umkreis von mindestens 180° beinhaltet. Erst hartnäckiges Nachfragen führt dann manchmal zur gewünschten Präzisierung.
Höflichkeit ist im iranischen Sozialverhalten von enormer Wichtigkeit. Bestimmt habe ich mich aus lauter Unwissenheit manchmal völlig daneben benommen, obwohl ich mir natürlich alle Mühe gebe das System wenigstens ansatzweise zu verstehen. So wird z. B. beim Bezahlen beim Einkaufen oder im Restaurant zuerst immer abgelehnt. Erst nachdem ich darauf beharre zu bezahlen und das Geld zwei oder dreimal angeboten habe, wird es angenommen. Falls immer noch nicht, darf ich es mit gutem Gewissen wieder wegstecken, etwas das auch oft passiert.
Eine weitere typische Eigenheit ist nach meiner Erfahrung, dass die Leute meist die exakt gleichen Fragen stellen, oft in der gleichen Reihenfolge. Nach dem Woher und Wohin folgt meist ‚wie lange' und ‚wie weit', anschliessend ob ich alleine unterwegs oder verheiratet sei.. Dies macht es mir ziemlich einfach, mit wenigen Brocken der Landessprache Farsi jede oberflächliche Unterhaltung einigermassen fliessend bestreiten zu können…

Noch kurz zu den vergangenen Wochen seit dem letzten Bericht.
Vom Van See ging es bei kühlem Wetter weiter über einen höheren Pass an den Fuss von Berg Ararat, der sich eindrücklich über dem Tal erhebt. Dort trennte ich mich wieder einmal von meinen Mitradlern und machte erst noch einen Abstecher über holprige Naturstrassen in die Berge gegenüber von Ararat an den Ort, wo die Überreste der Arche Noah gefunden wurden. Zumindest lassen sich dort eindeutig die Umrisse eines grösseren Schiffes erkennen, und nach Ansicht einiger Forscher sollen ziemlich viele Details mit den Angaben in der Bibel oder dem Koran übereinstimmen.
Schliesslich erreichte ich am folgenden Tag die türkisch-iranische Grenze und überquerte diese ohne Schwierigkeiten, dafür mit einer freundlichen Begrüssung auf iranischer Seite. Offenbar wird den wenigen Touristen, die sich momentan ins Land trauen, der Aufenthalt so angenehm wie möglich gestaltet, einen Eindruck der sich auch später noch oft bestätigt.
Dort fuhr ich wieder südwärts, erst nahe der türkischen, später der irakischen Grenze entlang und abermals durch kurdisches Gebiet. Hier im Iran sind die Kurden im Gegensatz zur Türkei akzeptiert und können ihre Kultur offener ausleben. Die freundlichen Menschen machten mir die Fahrt durch die sonst meist sehr eintönige und mühsame Landschaft (hügelig, endlos weite Felder, ständiger Gegenwind) ein wenig erträglicher, trotzdem liess meine Freude am Fahren zum ersten Mal auf dieser Reise zeitweise ein wenig nach. Dies änderte sich aber bald wieder, als ich mich nach Osten wandte und das Hochplateau der Zagros Berge verliess und mich der Wüste Kavir im Landesinneren näherte.

Beim Besuch der Pilgerstadt Qom, die für die Muslime wegen des Schreins der heiligen Fatima besonders wichtig ist, mache ich die Erfahrung, dass ich offenbar kaum als Tourist auffalle wenn ich nicht gerade mit dem Velo unterwegs bin. So gelangte ich problemlos in den innersten Teil dieses Heiligtums und erfuhr erst später, dass dies Nicht-Muslimen eigentlich nicht gestattet wäre… Oft wenn die Leute meine Nationalität zu erraten versuchen tippen sie erst auf Türke, Pakistani oder Iraner, und ich schätze mal dass mein mittlerweile stattlicher Bart einiges dazu beiträgt (ja, ich lasse mir momentan tatsächlich einen Bart wachsen!).

Danach ging es am Rand der Wüste entlang wieder hoch nach Teheran, dies aber erst nachdem ich einen kleinen Ausflug in die faszinierende Wüstenlandschaft hinaus gemacht habe. Es handelt sich dabei nicht um eine typische Sandwüste, der Boden ist meist eher steinig und hart, und ich bin überrascht wie viele Pflanzen, hauptsächlich dornige Büsche, hier wachsen. Auch Tiere bekam ich häufig zu sehen, meist Insekten oder Vögel, seltener mal eine Echse oder einmal gar eine Herde Kamele. Auch einen heftigen Sandsturm habe ich schon erlebt, glücklicherweise konnte ich mich noch fast rechtzeitig in ein leer stehendes Gebäude retten, denn so ein Sturm ist echt kein Spass.

Schliesslich fuhr ich in die Grossstadt Teheran hinein, die unter Velotourern berüchtigt für ihren verrückten Verkehr ist. Offenbar soll sie in der Unfallstatistik weltweit ganz oben rangieren… doch scheinbar habe ich mich mittlerweile schon gut an die oft rücksichtslose Fahrweise der Iraner gewöhnt oder einfach eine Zeit mit wenig Verkehr erwischt, jedenfalls finde ich es längst nicht so schlimm wie befürchtet und ich kann mich ganz der Suche nach der Adresse meiner Gastfamilie widmen.

Nun werde ich noch ein paar Tage in der Stadt verbringen, denn ich muss mich hier nochmals um Visas und andere Formalitäten kümmern. Danach werde ich je nach Zeit noch einen Abstecher per Bus nach Esfahan und Shiraz im südlichen Teil des Landes unternehmen, da diese Städte als absolute Höhepunkte Persiens gelten, für einen Besuch mit dem Velo jedoch zu weit abseits meiner Route liegen.

Mal sehen, wie sich mein weiterer Aufenthalt in diesem faszinierenden Land noch gestaltet. Interessant wird es auf jeden Fall, daran zweifle ich kein bisschen.

Liebe Grüsse und bis zum nächsten Mal,

Roman
 

   
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