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6. Reisebericht vom 26.04.06 aus Tatvan, Südosttürkei 'Durchs wilde Kurdistan'
Türkei, km 5406
N 38º 44' 09'', E 41º 29' 25''

In Istanbul hatte ich ein paar andere Reisende kennen gelernt, die ebenfalls mit dem Velo in die gleiche Richtung unterwegs sind. Am Tag der Abfahrt trafen wir uns zufällig alle wieder auf der iranischen Botschaft und entschieden deshalb, gemeinsam die Stadt zu verlassen. Dies machten wir uns ein bisschen einfach, indem wir eine Fähre nahmen die uns nicht nur über den Bosporus, sonder über eine Meeresbucht gleich vollständig zur Stadt hinaus brachte. Ansonsten hätten wir mindestens einen Tag mit der Fahrt durch städtisches Gebiet verbracht und darauf hatten wir nicht besonders Lust.
So radelten wir bald als kleiner Konvoi los, Marija aus Slowenien, die ich schon zu Beginn meiner Tour besucht hatte, ihr polnischer Kollege Nikolai und Urs aus Deutschland, der sich ihnen unterwegs angeschlossen hatte.
Wir freuten uns alle, endlich wieder draussen und auf dem Velo zu sein und genossen die Fahrt durch blühende Obstplantagen und Olivenhaine, während es viel zu erzählen gab. Ich spürte bald, dass es zur Abwechslung ganz gut tat mit Gleichgesinnten zusammen zu sein, Erfahrungen auszutauschen und zu vergleichen.
Die folgenden Tage waren ein wahrer Genuss. Genau so sollte Reisen mit dem Velo sein: Abwechslungsreiche Landschaften und schöne Plätze zum Zelten am Abend, sonniges Frühlingswetter, angenehme Gesellschaft und freundliche Leute entlang der Strasse. Gleichzeitig war die Fahrt auch ziemlich anstrengend, da die Gegend sehr hügelig ist und wir meist über tausend Höhenmeter am Tag zu bewältigen hatten. Dazu kam ein beständiger Wind, der uns je nach Richtung mal half und mal bremste, und sich manchmal schon recht heiss und trocken anfühlte.

Nach einer knappen Woche erreichten wir Ankara, wo wir ein paar mühsame und anstrengende Tage mit der Erledigung von weiteren Visas verbrachten. Eigentlich hatte ich mir die Visageschiechte für die 'Stans' (Turkmenistan, Usbekistan, Tadjikistan und Kirgistan) für Teheran aufsparen wollen, doch als ich von den Anderen erfuhr wie einfach sie hier zum Teil erhältlich waren, machte ich mich dann doch auch an die Arbeit und habe nun den grösseren Teil schon erledigt.

Nach unserem Aufenthalt in der Stadt trennte ich mich wieder von meinen Begleitern und radelte wieder alleine durch die nun relativ flache und landwirtschaftlich sehr intensiv genutzte Gegend, offenbar so was wie die Kornkammer der Türkei. Der Unterschied zu vorher bestand vor allem darin, dass ich als Einzelreisender wieder viel häufiger zu Tee und Essen eingeladen wurde.
Nach wenigen Tagen Fahrt erreichte ich die Region Kappadokien, die für ihre eigenartig erodierten Felslandschaften bekannt ist. Schon vor Jahrtausenden hatten sich Menschen in dieser Gegend niedergelassen und ganze Dörfer in den relativ weichen Fels gemeisselt. Diese sind meist noch sehr gut erhalten und bilden heute eine der bekannteren Touristenattraktionen der Türkei. So war es auch nicht erstaunlich, dass ich mich plötzlich in mitten von ganzen Busladungen Reisender aller Nationalitäten wieder fand, ein völlig ungewohntes Gefühl, denn ausser in Istanbul hatte ich bisher noch kaum einen anderen Touristen getroffen. Trotzdem verbrachte ich viel Zeit mit dem Besichtigen dieser Naturwunder und wanderte oder fuhr mit dem Velo etwas abseits der ausgetretenen Pfade durch diese oftmals sehr märchenhaft anmutenden Landschaften.

Kaum wollte ich mich an die Weiterfahrt machen und hielt bloss noch kurz für einen Imbiss und Kartenstudium der weiteren Route, als plötzlich meine Freunde auf ihren Fahrrädern auftauchten. Offenbar waren wir bloss um ein paar wenige Stunden versetzt die genau gleiche Route gefahren und entschieden, nun weiterhin zusammen zu bleiben, da wir alle in die gleiche Richtung wollten.
Unser nächstes Ziel war der Van See im Südosten des Landes, der in einer sehr schönen Berglandschaft liegen soll. Die kürzlich aufgeflammten Unruhen in genau diesem Teil des Landes liessen uns erst etwas zögern und über eine alternative Route nachdenken, doch nachdem wir uns im Internet und bei den Botschaften informiert hatten, entschieden wir uns doch für diese Richtung. Bisher haben wir diese Entscheidung nicht im Geringsten bereut, denn offenbar hat sich die Lage schon wieder stark beruhigt und wir hatten nie Probleme. Einzig auf ein paar wenigen Abschnitten gab es eine erhöhte Militaerpräsenz und Kontrollposten an der Strasse, doch nach kurzer Befragung liessen sie uns immer problemlos passieren. Wäre die Lage ernster gewesen, hätten sie uns auf keinen Fall durchgelassen, da ihnen unsere Sicherheit offensichtlich sehr am Herzen lag. Wir haben sowieso einige Male gestaunt, wie sehr sich die Leute hier um uns kümmern. Wie das eine Mal als wir an einem kleinen See campen wollten und dann aber herausfanden, dass der grösste Teil des Ufers zu einem Vergnügungspark gehörte und nicht so geeignet zum wild Zelten war. Als uns dann ein paar Jungs nach dem Wohin und Woher befragt hatten, brachten sie uns schliesslich direkt zum Direktor des Parks und wir wurden angewiesen unsere Zelte mittendrin in der Nähe seines Hauses aufzuschlagen… Manchmal fragten wir auch einen Bauer um Erlaubnis, in der Nähe seines Hofes oder am Rande eines Dorfes zu übernachten, was uns jedes Mal noch so gerne gestattet wurde. Meist fanden sich sogar einige Leute die Deutsch sprachen, da sie in Deutschland gearbeitet hatten, und so wurde jedes Mal ein richtig geselliger Abend daraus.

Die Landschaft hier im östlichen Teil des Landes ist wieder sehr hügelig oder eher bergig und wir haben schon zahlreiche Pässe bis etwa 2000 m Höhe überquert. Auf den ausgedehnten Weiden ziehen überall Herden von Schafen, Ziegen und Rindern umher, die meist von ein paar Hirten in Begleitung von grossen Hunden und ein paar Eseln gehütet werden. Auch die Felder werden offenbar grösstenteils von Hand oder mit Hilfe von Tieren bestellt, moderne Traktoren und Maschinen wie im Westen sieht man hier nur noch selten. Die Region macht allgemein einen viel ärmeren Eindruck, dafür hat die Gastfreundlichkeit der Leute nur noch zugenommen und wir müssen immer mehr Einladungen zu Tee ablehnen, um überhaupt noch vorwärts zu kommen.

Erst kurz bevor wir den See erreichten, gab es zum ersten Mal seit über einem Monat richtig schlechtes Wetter mit Hagelschauern und anhaltendem Regen für mehr als zwei Tage. Davor hatte es jeweils höchstens mal für ein paar Minuten geregnet und wir hatten schon fast geglaubt, dass wir bis Ende Sommer keinen richtigen Regen mehr erleben würden. Zuvor hatten wir einen ersten Vorgeschmack auf einen richtigen Sandsturm bekommen, als heftiger Wind aus dem Süden enorme Mengen von Staub aus der syrischen Wüste über die Bergketten verfrachtete und alles in einen dichten Dunstschleier hüllte. Das atmen fiel uns besonders während eines langen Aufstiegs schwer und so waren wir über den anschliessenden Regen gar nicht unglücklich, da die Luft nun wieder rein gewaschen wurde.

Nun geht es noch ungefähr eine Woche weiter durch die Türkei, erst dem riesigen Van See entlang und dann nordwärts zum Grenzübergang in den Iran. Dann können wir bloss hoffen, dass sich die Situation im Atomstreit nicht weiter verschärft, ansonsten könnte unser Aufenthalt dort möglicherweise unangenehm oder ganz verunmöglicht werden. Doch eigentlich bin ich zuversichtlich, dass sich die beteiligten Staaten noch rechtzeitig besinnen und nicht auf eine Eskalation einlassen werden. ‘Inshallah’ (so Gott will), wie die Muslims dazu sagen würden…

Viele Grüsse und bis zum nächsten Bericht voraussichtlich aus Teheran!
Roman
 

   
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