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Reisebericht vom 01.04.06 'Istanbul' Auf Wiedersehen Europa!
Türkei, km 3543
N 41º 03' 11'', E 28º 47' 46''
Das Wetter war während meines Wochenendes in
Sofia wieder mal sehr schlecht, es schneite nochmals kräftig und
obwohl ich einen ganzen Tag durch die Stadt spazierte, habe ich
nicht sehr viel davon gesehen. Einzig geblieben sind mir die
zahlreichen verschiedenen Kirchen, denn Sofia ist wie ganz Bulgarien
kulturell sehr durchmischt, da es schon fast an der Grenze zwischen
Europa und Asien liegt und hier deshalb verschiedenste Kulturen
zusammengeflossen sind.
Ziemlich bald hatte ich wieder das 'Reissen' nach dem Unterwegssein
und machte mich auf den Weg in den Süden des Landes, sobald das
Wetter ein wenig besserte. Irgendwie konnte ich keine kleinere
Strasse finden, die zur Stadt hinaus führte, und wählte daher der
Einfachheit halber die Autobahn... absolut problemlos und dank dem
Pannenstreifen sehr komfortabel!
Bald erreichte ich Plovdiv, eine Kleinstadt die
für ihre Altstadt und andere historische Überbleibsel bekannt ist.
Ich verbrachte den ganzen Tag mit der Besichtigung dieser Stadt und
genoss sogar ein paar Sonnenstrahlen, während zufälligerweise an
diesem Tag ein Volksfest mit viel Folklore und Tanz stattfand. Am
Abend fuhr ich noch ein wenig zur Stadt hinaus um irgendwo zu
Zelten, doch in der weiten offenen Ebene war es schwierig einen
etwas geschützten Platz zu finden. Es dunkelte bereits und begann
wieder zu regnen, zudem war der Verkehr sehr dicht und mühsam.
Schliesslich schlug ich mein Lager hinter ein paar einzelnen Büschen
nur wenig abseits der Strasse auf und wollte mich bald schlafen
legen, als plötzlich draussen ein Auto hielt und die Scheinwerfer
mein Zelt beleuchteten. Im Gegenlicht konnte ich eine kräftige
Gestalt mit Kurzgeschorenem Schädel auf mich zukommen sehen. Ich
hatte gar keine Zeit richtig zu erschrecken, rechnete aber mit Ärger
welcher Art auch immer. Und dies am Vorabend meines Geburtstags! Ich
nahm allen Mut zusammen und fragte was los sei. Ein zweiter Typ war
dazugekommen und bald gaben sich die Beiden als Polizisten zu
erkennen und wollten meinen Pass sehen. Ich erklärte ihnen woher ich
kam und was ich vor hatte, und zu meinem grossen Erstaunen
verabschiedeten sie sich nach kurzer Zeit wieder, aber erst nachdem
sie sich nachdrücklich vergewissert hatten, dass mit mir auch alles
in Ordnung sei. Ich konnte über ihre Besorgtheit um mich nur
staunen!
Am folgenden Tag ging es seit Längerem wieder
einmal in die Berge hinein, genauer gesagt in das Rhodopengebirge.
Unterwegs besuchte ich eines der ältesten orthodoxen Klöster in
Bulgarien, eine friedliche kleine Oase in diesem schroffen Bergtal
mit bärtigen Mönchen in schwarzen Kutten und einer winzigen Kirche,
deren zahlreichen Fresken im Innern unter der dicken Russschicht
unzähliger Kerzen und dem Weihrauch kaum mehr zu erkennen waren.
Anschliessend unternahm ich einen Abstecher ein kleines Seitental
hinauf zu den Wunderbrücken, vom Wasser aus dem Fels heraus
geschliffene Brückenbögen von gewaltigem Ausmass. Obwohl dort oben
noch tiefster Winter herrschte und ich schliesslich zu Fuss durch
den Schnee stapfen musste, entschädigte mich der Anblick dieser
Spielerei der Natur voll und ganz für die Anstrengungen.
Am Abend konnte ich in dem engen und steilen Tal wieder mal keinen
passenden Platz für mein Zelt finden, und als ich schliesslich an
einer Bushaltestelle mit einem richtigen kleinen Wartehäuschen
vorbei kam, nahm ich dieses kurzerhand für die Nacht in Beschlag.
Diesmal sogar ohne Störung, da es sowieso kaum Verkehr gab und die
wenigen Leute, die auf einen Bus warteten, schienen wieder eher um
mein Wohlergehen besorgt zu sein, da dem Häuschen die Fenster
fehlten...
Am Ende des Tales wartete wieder einmal ein
richtiger Pass auf mich, mit knapp 1500 Metern Höhe zwar ein eher
kleiner, doch wegen Schnee und Glatteis mit Abstand der Schwierigste
bisher. Oben angekommen fühlte ich mich ein bisschen wie ein
Bergsteiger auf dem Gipfel, nämlich im Bewusstsein, dass ich nun
erst die Hälfte hinter mir hatte und nun der Abstieg bzw. die
Abfahrt auf mich wartete!
Bald gelangte ich aber wieder unter die Schneegrenze und konnte nun
die Fahrt durch die lang gezogenen Täler voll geniessen. Die Gegend
erinnerte oft ein wenig an den Tessin, steile Berghänge und darüber
verstreut kleine Dörfer mit Steinhäusern und winzigen Höfen.
Interessanterweise ist diese Gegend hier nahe der Grenze zu
Griechenland fast vollständig von türkischen Bauern besiedelt und
dem entsprechend steht in jedem Dorf eine kleine Moschee, deren
Minarett jeweils schon von Weitem im Sonnenlicht glänzte. Ich hatte
mich ja schon längst an die zahlreichen Esel- und Pferdefuhrwerke
auf den bulgarischen Strassen gewöhnt, doch hier waren Autos schon
fast eine Seltenheit und oft wahre Antiquitäten, häufig eindeutig
russischer Herkunft noch aus sozialistischen Zeiten.
Ich staunte sowieso häufig darüber, wie einfach die Leute hier leben
und mit welchen für unsere Begriffe völlig veralteten Mitteln gelebt
und gearbeitet wird. Vieles erinnerte mich an Dinge die ich in
Indien gesehen hatte, bloss mit dem Unterschied, dass ich mich hier
noch in Europa befand und Bulgarien nächstes Jahr in die EU
aufgenommen wird!
Mit dem Verlassen der Berge war es ganz plötzlich
Frühling geworden. Ganz überraschend entdeckte ich erste Blumen am
Strassenrand und durfte endlich einmal ein paar Tage mildes und
sonniges Wetter geniessen. So machte Velofahren und Campen endlich
richtig Spass und ich benützte die Gelegenheit für ein paar Ausflüge
zu Sehenswürdigkeiten in der Umgebung, wie eigenartig erodierte
Felssäulen, versteinerte Bäume oder Überreste thrakischer Festungen
und Kultstätten, die hier sehr zahlreich zu finden sind.
Da ich zeitlich sehr gut in meinem Zeitplan liege, leistete ich mir
noch einen Umweg ans Schwarze Meer, bevor ich auf die Türkei zu
hielt. Die wilde Felsküste mit ausgedehnten Sandstrände dazwischen
war besonders zu dieser Jahreszeit ein Besuch wert, da es jetzt noch
sehr ruhig war. Einen Abstecher durch den Naturpark entlang einer
Flussmündung musste ich dann aber leider bleiben lassen, da ich
jetzt kurz nach dem Frühlingshochwasser auf den unbefestigten Wegen
buchstäblich im Lehm und Schlamm stecken blieb. Immerhin
entschädigten mich ganze Schwärme von über mir kreisenden Störchen
für die Mühseligkeiten dieses Ausfluges.
In dieser Gegend hatte ich zum ersten Mal ein
paar Probleme mit meinem Velo. Ein Pneu wurde aus unerfindlichen
Gründen seitlich aufgescheuert und war geplatzt und am Rahmen brach
die Lötstelle der einen Hinterradstrebe und musste geschweisst
werden. Solche Dinge können passieren und waren dank genügend
Ersatzteilen und mitgeführter Werkzeuge kein ernsthaftes Problem.
Das Grenzgebiet zur Türkei war nochmals sehr
hügelig und anstrengend zum Velofahren, obwohl das erst ein kleiner
Vorgeschmack auf das sein soll, was mich später im Osten des Landes
erwartet.
Bei einem Halt in der ersten Kleinstadt nach der Grenze und
besonders jetzt hier in Istanbul stellte ich sogleich fest, dass ich
mich nun schon fast auf dem asiatischen Kontinent befinde. Das Leben
hier ist komplett anders als wir Europäer es uns gewohnt sind.
Unglaublich lebhaft und immer ein bisschen chaotisch, hat man
zumindest den Eindruck. Als ich mich der Stadt näherte, wurde der
Verkehr bald viel dichter und ich lernte schnell, dass hier klar das
Recht des Stärkeren gilt und ich selbst schauen muss, wie ich mich
heil durch die Blechlawinen schlängeln kann.
Doch die Stadt selbst ist etwas vom Faszinierendsten, was ich bisher
gesehen habe. Eine schlicht atemberaubende Mischung aus Altertum und
Moderne, tief verwurzelter Religiosität, gewieftem Geschäftemachen,
majestätischer Schönheit und tausend anderen Dingen. Unzählige
Moscheen, eine gewaltiger als die Andere und ausgedehnte und
ungemein lebhafte Basare wechseln sich ab und geben der Stadt ihren
einmaligen Charakter. Das Beschreiben fällt mir gerade ziemlich
schwer und ich glaube, ich muss all diese neuen Eindrücke erst ein
wenig verarbeiten...
So stürze ich mich jetzt erneut ins Gewühl, um ein paar weitere
Eindrücke von Istanbul zu erhaschen, bevor es dann schon bald weiter
über den Bosporus geht und ich damit Europa endgültig hinter mir
lasse!
Bis zum nächsten Mal!
Roman
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