In Belgrad, wo mein letzter Bericht geendet hat,
legte ich erst einmal ein paar Tage Pause ein. Ich hatte per Zufall
ein angenehmes Hotel in der Innenstadt gefunden und genoss nun die
Annehmlichkeiten, die es zu bieten hatte. Auch tat es ganz gut,
wieder mal ein paar andere Reisende zu treffen, auch wenn zu dieser
Jahreszeit nicht viel Betrieb herrschte.
Natürlich verbrachte ich auch viel Zeit in der Stadt. Nebst der
Besichtigung einiger Sehenswürdigkeiten spazierte ich gerne durch
die ständig sehr belebten Strassen und genoss einfach die freundlich
und aufgeschlossen wirkende Atmosphäre dieser Stadt.
An meinem letzten Tag in Belgrad zeigte sich
sogar das Wetter wieder mal von der freundlicheren Seite und ich
benutzte die Gelegenheit, um haufenweise Fotos zu schiessen. Dieser
Fototag gipfelte schliesslich in einer Begegnung mit dem Fotografen
und Filmemacher Wim Wenders, der an diesem Abend seine Ausstellung
in Belgrad eröffnete an die ich zufällig heranlief. Wenders ist ein
einmaliger Fotograf und so eine Art Vorbild für meine fotografische
Tätigkeit… was für ein Tag!
Nach vier Tagen in dieser sehr interessanten
Stadt sattelte ich schliesslich mein Velo wieder und suchte mir
einen Weg durch das Verkehrsgetümmel. Ich merkte, dass ich ein paar
Tage nicht mehr auf dem Velo gesessen hatte, denn das Fahren fühlte
sich schon ein bisschen ungewohnt an.
So bald wie möglich verliess ich die Hauptstrassen und suchte mir
eine Route durch die hügelige Landschaft südlich der Stadt. Ein
kräftiger warmer Wind blies mir ins Gesicht, der so richtig nach
Frühling roch und mich sogar die Anstiege vergessen liess, die mich
schon richtig ins Schwitzen brachten.
In der folgenden Nacht erwachte ich plötzlich wegen starken Windböen
und heftigem Regen, der auf mein Zelt niederprasselte. Bald schlief
ich aber weiter und staunte am folgenden Morgen nicht schlecht, als
draussen alles frisch verschneit war! Nun wurde das Fahren ziemlich
mühsam. Der starke Schneefall hielt weiterhin an und das nasse Weiss
verwandelte sich auf der Strasse bald in schmutzigem Matsch, der
überall an meinem Velo festfror. Irgendwann war alles von einer
dicken Schicht Eis umgeben und die Räder liessen sich kaum mehr
bewegen, von dem zusätzlichen Gewicht ganz zu schweigen!
Im Laufe des Nachmittags hielt ich in einer Kleinstadt an und
überlegte, was ich am Besten tun sollte. Doch wie so gerne in
solchen Situationen liess Hilfe nicht lange auf sich warten, denn
ein junger Serbe gesellte sich zu mir und lud mich zu ihm nach Hause
ein. Natürlich nahm ich das Angebot noch so gerne an, und am anderen
Morgen machte ich mit Hilfe von Aleksandar und einer Menge heissem
Wasser das Velo wieder fahrtauglich.
Die starken Schneefälle hielten auch die folgenden Tage noch an,
während ich mich mühsam weiter Richtung Bulgarien kämpfte.
Erst nachdem ich den letzten Gebirgszug vor der Grenze durch eine
sehenswerte Schlucht durchquert hatte, wurde der Schnee weniger und
das Fahren wieder einfacher. Zuvor hatte ich im Städtchen Pirot noch
ein lustiges Erlebnis gehabt, das meiner Erfahrung nach sehr zu
Serbien passt. Ich wollte nämlich an der Tankstelle wie schon oft
vorher die Benzinflasche für meinen Kocher auffüllen, nur dass sie
mir diesmal keines geben wollten, angeblich weil die Menge zu gering
war. So machte ich mich auf die Suche nach einer anderen Möglichkeit
und fand schliesslich eine kleine Autowerkstatt und fragte dort, ob
ich ein bisschen Brennstoff bekommen könne. Es bedurfte langer
Erklärungen mit vielen Gebaerden und Pantomime um den Männern klar
zu machen, wozu ein Velofahrer wohl Benzin brauche. Doch als
schliesslich alles klar war halfen sie mir noch so gerne, in dem sie
kurzerhand eine Flasche voll aus dem Tank ihres Autos absaugten!
Auch bei der Ausreise am serbischen Grenzposten musste ich nochmals
so richtig schmunzeln, als mich der Zöllner nach erfolgter
Passkontrolle zum Warten aufforderte und nach kurzer Zeit mit einer
Dose Cola zurück kam und mir mit den Worten 'One drink for long bike
trip!' in die Hand drückte. Ich muss sagen, während den gerade mal
zwei Wochen in Serbien habe ich dieses Land und seine Leute sehr
schätzen gelernt!
Wie schon vor der Grenze empfingen mich auch nach
der bulgarischen Kontrolle erst mal kilometerlange
Lastwagenkolonnen, die sich an diesem wichtigen Grenzübergang
stauten. Einmal mehr war ich froh, mit dem Velo unterwegs zu sein...
Bei der ersten Gelegenheit zweigte ich von der
grossen Hauptstrasse wieder auf ruhigere Seitenstrassen ab. Der
Verkehr hier in Bulgarien schien mir gleich nochmals eine Stufe
wilder als in den Ländern zuvor zu sein, und so genoss ich die Ruhe
während der Fahrt durch zum Teil halb verlassene und zerfallene
Dörfer umso mehr. Während der Fahrt an diesem Nachmittag traf ich im
Schnitt gerade mal noch etwa zwei Autos pro Stunde an, paradiesische
Verhältnisse zum Velofahren also. Und wenigstens hatte ich so mehr
als genug Platz, um die zahlreichen Schlaglöcher im Zickzack zu
umfahren...
Am meisten beeindruckt während der Fahrt Richtung
Sofia hat mich die Weite der Landschaft hier. Auf sanften Hügeln
erstrecken sich ein paar Wiesen und einzelne steinige Äcker, nur
gelegentlich unterbrochen von dornigen Hecken. Dazwischen gibt es
vor allem an den Hängen immer wieder mal einen Flecken Eichen- oder
sattgrüner Föhrenwald, während die Gegend sonst sehr kahl und leer
ist. Irgendwie fühlte ich mich ständig wie irgendwo in der Prärie
und wartete nur darauf, dass eine Herde Bisons oder ein paar
Indianer auftauchen würden...
Kaum näherte ich mich der Stadt wurde ich unsanft
in die Wirklichkeit zurück geholt. Lärmiger Verkehr, zunehmend
schlechtere Strassen und ganze Horden struppiger Strassenköter
machten mir das Leben schwer und das Fahren nicht unbedingt zum
Genuss. So war ich dann umso dankbarer, als mich Yulia im
Stadtzentrum abholte und zu ihrer Wohnung führte, wo ich ein paar
Tage wohnen kann.
Ich fühlte mich hier in der Stadt anfangs ziemlich verloren, weil
ich fast keines der Schilder oder Strassennamen entziffern kann, da
in Bulgarien fast nur das kyrillische Alphabet verwendet wird. Wie
gestern als ich schon direkt vor dem Internetcafe stand und erst
einen Passanten fragen musste, wo es denn nun sei... schliesslich
konnte ich nicht einmal dieses Wort lesen!
Jetzt schaue ich mir die Stadt noch etwas näher an, um dann aber
schon bald weiter zu fahren. Je nach Wetter möchte ich gerne ein
wenig durch die bulgarischen Berge fahren, die wegen zahlreichen
Kloestern, Ruinen und Naturschönheiten sehr sehenswert sein sollen.
Auch möchte ich gerne noch einen Abstecher an die Schwarzmeerküste
machen, die ebenfalls ein lohnenswertes Ziel ist.
So werde ich mich voraussichtlich in 2-3 Wochen
wieder aus Istanbul melden.
Liebe Grüsse an alle und bis dann!