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4. Reisebericht vom 13.03.06 'Winterlicher Balkan'
Sofia, Bulgarien, km 2272
N 42º 41' 21'', E 23º 22' 11''

In Belgrad, wo mein letzter Bericht geendet hat, legte ich erst einmal ein paar Tage Pause ein. Ich hatte per Zufall ein angenehmes Hotel in der Innenstadt gefunden und genoss nun die Annehmlichkeiten, die es zu bieten hatte. Auch tat es ganz gut, wieder mal ein paar andere Reisende zu treffen, auch wenn zu dieser Jahreszeit nicht viel Betrieb herrschte.
Natürlich verbrachte ich auch viel Zeit in der Stadt. Nebst der Besichtigung einiger Sehenswürdigkeiten spazierte ich gerne durch die ständig sehr belebten Strassen und genoss einfach die freundlich und aufgeschlossen wirkende Atmosphäre dieser Stadt.

An meinem letzten Tag in Belgrad zeigte sich sogar das Wetter wieder mal von der freundlicheren Seite und ich benutzte die Gelegenheit, um haufenweise Fotos zu schiessen. Dieser Fototag gipfelte schliesslich in einer Begegnung mit dem Fotografen und Filmemacher Wim Wenders, der an diesem Abend seine Ausstellung in Belgrad eröffnete an die ich zufällig heranlief. Wenders ist ein einmaliger Fotograf und so eine Art Vorbild für meine fotografische Tätigkeit… was für ein Tag!

Nach vier Tagen in dieser sehr interessanten Stadt sattelte ich schliesslich mein Velo wieder und suchte mir einen Weg durch das Verkehrsgetümmel. Ich merkte, dass ich ein paar Tage nicht mehr auf dem Velo gesessen hatte, denn das Fahren fühlte sich schon ein bisschen ungewohnt an.
So bald wie möglich verliess ich die Hauptstrassen und suchte mir eine Route durch die hügelige Landschaft südlich der Stadt. Ein kräftiger warmer Wind blies mir ins Gesicht, der so richtig nach Frühling roch und mich sogar die Anstiege vergessen liess, die mich schon richtig ins Schwitzen brachten.
In der folgenden Nacht erwachte ich plötzlich wegen starken Windböen und heftigem Regen, der auf mein Zelt niederprasselte. Bald schlief ich aber weiter und staunte am folgenden Morgen nicht schlecht, als draussen alles frisch verschneit war! Nun wurde das Fahren ziemlich mühsam. Der starke Schneefall hielt weiterhin an und das nasse Weiss verwandelte sich auf der Strasse bald in schmutzigem Matsch, der überall an meinem Velo festfror. Irgendwann war alles von einer dicken Schicht Eis umgeben und die Räder liessen sich kaum mehr bewegen, von dem zusätzlichen Gewicht ganz zu schweigen!
Im Laufe des Nachmittags hielt ich in einer Kleinstadt an und überlegte, was ich am Besten tun sollte. Doch wie so gerne in solchen Situationen liess Hilfe nicht lange auf sich warten, denn ein junger Serbe gesellte sich zu mir und lud mich zu ihm nach Hause ein. Natürlich nahm ich das Angebot noch so gerne an, und am anderen Morgen machte ich mit Hilfe von Aleksandar und einer Menge heissem Wasser das Velo wieder fahrtauglich.
Die starken Schneefälle hielten auch die folgenden Tage noch an, während ich mich mühsam weiter Richtung Bulgarien kämpfte.
Erst nachdem ich den letzten Gebirgszug vor der Grenze durch eine sehenswerte Schlucht durchquert hatte, wurde der Schnee weniger und das Fahren wieder einfacher. Zuvor hatte ich im Städtchen Pirot noch ein lustiges Erlebnis gehabt, das meiner Erfahrung nach sehr zu Serbien passt. Ich wollte nämlich an der Tankstelle wie schon oft vorher die Benzinflasche für meinen Kocher auffüllen, nur dass sie mir diesmal keines geben wollten, angeblich weil die Menge zu gering war. So machte ich mich auf die Suche nach einer anderen Möglichkeit und fand schliesslich eine kleine Autowerkstatt und fragte dort, ob ich ein bisschen Brennstoff bekommen könne. Es bedurfte langer Erklärungen mit vielen Gebaerden und Pantomime um den Männern klar zu machen, wozu ein Velofahrer wohl Benzin brauche. Doch als schliesslich alles klar war halfen sie mir noch so gerne, in dem sie kurzerhand eine Flasche voll aus dem Tank ihres Autos absaugten!
Auch bei der Ausreise am serbischen Grenzposten musste ich nochmals so richtig schmunzeln, als mich der Zöllner nach erfolgter Passkontrolle zum Warten aufforderte und nach kurzer Zeit mit einer Dose Cola zurück kam und mir mit den Worten 'One drink for long bike trip!' in die Hand drückte. Ich muss sagen, während den gerade mal zwei Wochen in Serbien habe ich dieses Land und seine Leute sehr schätzen gelernt!

Wie schon vor der Grenze empfingen mich auch nach der bulgarischen Kontrolle erst mal kilometerlange Lastwagenkolonnen, die sich an diesem wichtigen Grenzübergang stauten. Einmal mehr war ich froh, mit dem Velo unterwegs zu sein...

Bei der ersten Gelegenheit zweigte ich von der grossen Hauptstrasse wieder auf ruhigere Seitenstrassen ab. Der Verkehr hier in Bulgarien schien mir gleich nochmals eine Stufe wilder als in den Ländern zuvor zu sein, und so genoss ich die Ruhe während der Fahrt durch zum Teil halb verlassene und zerfallene Dörfer umso mehr. Während der Fahrt an diesem Nachmittag traf ich im Schnitt gerade mal noch etwa zwei Autos pro Stunde an, paradiesische Verhältnisse zum Velofahren also. Und wenigstens hatte ich so mehr als genug Platz, um die zahlreichen Schlaglöcher im Zickzack zu umfahren...

Am meisten beeindruckt während der Fahrt Richtung Sofia hat mich die Weite der Landschaft hier. Auf sanften Hügeln erstrecken sich ein paar Wiesen und einzelne steinige Äcker, nur gelegentlich unterbrochen von dornigen Hecken. Dazwischen gibt es vor allem an den Hängen immer wieder mal einen Flecken Eichen- oder sattgrüner Föhrenwald, während die Gegend sonst sehr kahl und leer ist. Irgendwie fühlte ich mich ständig wie irgendwo in der Prärie und wartete nur darauf, dass eine Herde Bisons oder ein paar Indianer auftauchen würden...

Kaum näherte ich mich der Stadt wurde ich unsanft in die Wirklichkeit zurück geholt. Lärmiger Verkehr, zunehmend schlechtere Strassen und ganze Horden struppiger Strassenköter machten mir das Leben schwer und das Fahren nicht unbedingt zum Genuss. So war ich dann umso dankbarer, als mich Yulia im Stadtzentrum abholte und zu ihrer Wohnung führte, wo ich ein paar Tage wohnen kann.
Ich fühlte mich hier in der Stadt anfangs ziemlich verloren, weil ich fast keines der Schilder oder Strassennamen entziffern kann, da in Bulgarien fast nur das kyrillische Alphabet verwendet wird. Wie gestern als ich schon direkt vor dem Internetcafe stand und erst einen Passanten fragen musste, wo es denn nun sei... schliesslich konnte ich nicht einmal dieses Wort lesen!
Jetzt schaue ich mir die Stadt noch etwas näher an, um dann aber schon bald weiter zu fahren. Je nach Wetter möchte ich gerne ein wenig durch die bulgarischen Berge fahren, die wegen zahlreichen Kloestern, Ruinen und Naturschönheiten sehr sehenswert sein sollen. Auch möchte ich gerne noch einen Abstecher an die Schwarzmeerküste machen, die ebenfalls ein lohnenswertes Ziel ist.

So werde ich mich voraussichtlich in 2-3 Wochen wieder aus Istanbul melden.
Liebe Grüsse an alle und bis dann!
Roman
 

   
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