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03. Reisebericht vom
01.03.06 ‘Richtung Balkan’ Nun wird es höchste Zeit für einen weiteren Bericht. Schliesslich bin ich in der Zwischenzeit über 1000 km weiter südöstlich geradelt und habe dabei eine Menge gesehen und erlebt. Von Bozen aus ging es bei weiterhin beständigem Schönwetter das Trentino hinunter, ein weites Tal mit ebenfalls wieder zahlreichen Obstplantagen und Rebbergen. So liegen zum Beispiel die Ortschaften Kalterer und Tramins in diesem Tal, von wo die gleichnamigen Weinsorten (Gewürztraminer) ursprünglich stammen. Schliesslich öffnet sich das Tal und entlässt einen in die Weite der Poebene hinaus. Gleichzeitig wird auch die Landschaft und das Klima mediterraner, was sich beispielsweise durch erste Olivenbäume und weniger frostige Nächte bemerkbar machte. Der Frühling konnte nicht mehr fern sein, denn ich sichtete schon die ersten Schwalben und blühende Schneeglöckchen. Nach einem kurzen Zwischenhalt in Verona, wo mein Fahrrad schier eine grössere Attraktion darzustellen schien als das berühmte Amphitheater, hielt ich geradewegs auf Venedig zu. Letztes Mal als ich hier vorbei gekommen war und die Stadt besuchen wollte, war dies wegen Überschwemmungen nicht möglich gewesen, und so wollte ich diesen Ausflug jetzt nachholen. Zudem passte ein Besuch der Stadt ideal zu meiner bevorstehenden Reise, da sie als Geburtsort von Marco Polos und Ausgangspunkt der Seidenstrasse für viele ähnliche Unternehmungen als Startort diente. So war ich dann auch ziemlich berührt, als ich nach langem Spaziergang durch ein Gewirr von Gassen und Kanälen schliesslich auf dem Markusplatz stand und aufs Meer hinaus blickte. Spätestens jetzt nahm die Reise ihren richtigen Anfang... Kurz vor der Grenze zu Slowenien kehrte das Wetter zum ersten Mal so richtig und liess mich meine Regensachen hervor suchen. Die Grenze war sowieso ziemlich markant: war es bisher tagsüber meist um die 10º C warm, die Landschaft topfeben und die Bauern überall fleissig am Pflügen, tauchten unmittelbar hinter der Grenze steile Berghänge aus dem Nebel auf und kurze Zeit später fand ich mich im Schnee wieder. Das Wetter blieb weiterhin nass und kalt, und vor allem reute mich, dass ich wegen des Nebels nichts von der sicherlich sehr sehenswerten Landschaft hier am Südfuss der Alpen erkennen konnte. Eigentlich wollte ich nun aber bloss noch möglichst schnell nach Ljubljana gelangen, wo ich das Wochenende bei Marija und ihrer Familie vebringen durfte. Marija startet zusammen mit einem polnischen Kollegen in den nächsten Tagen ebenfalls zu einer ähnlichen Tour mit dem Velo, und hatte mich schon vor meinem Start zu einem Zwischenhalt bei sich eingeladen. Ich genoss das warme Bett, trockene und frisch gewaschene Kleider und natürlich all die Köstlichkeiten, die uns ihre Mutter vorsetzte... Bald darauf wollte ich wieder weiter, nicht aber ohne vorher meinen ersten Platten flicken zu müssen und einem anschliessendem Besuch bei Marijas Kollegen und Velomechaniker Boris. Obwohl noch vor dem Mittag, holte er schon die Schnapsflasche hervor und angesichts des strömenden Regens draussen liess ich mich gerne zu einem Gläschen überreden, während wir über die slowenische Bikeszene und unsere Reise diskutierten. Wenige Tage später legte ich einen weiteren Halt in Zagreb in Kroatien ein. Die Kroaten sind ein ungemein gastfreundliches Volk, und während meine Aufenthaltes wurde ich ständig mal irgendwo eingeladen. Zuerst direkt nach der Grenze vom Besitzer eines Imbisstandes zu einem Glas Wein und einem Hot Dog, ein anderes Mal vom Kassier einer Tankstelle zu einer Cola, oder von der Besitzerin einer Bar zu einem Bier. Meist war ich mit den Leuten ins Gespräch gekommen, nachdem sich herausgestellt hatte woher ich stammte und dass sie auch ein wenig Deutsch sprachen, da sie mal in der Schweiz oder in Deutschland gearbeitet hatten. Auch in Zagreb machte ich eine sehr interessante Bekanntschaft mit Dario, einem freiwillig Obdachlosen und eine Art verkanntem Genie und Seher. Er zeigte mir den Weg zum Hostel und anschliessend die Stadt, und lud mich darauf hin zum Mittagessen in der Obdachlosenküche ein. Mit einem bloss ganz wenig schlechten Gewissen nahm ich das Angebot an, schliesslich fühle ich mich selbst ein bisschen als Landstreicher und deshalb gar nicht so fehl am Platze. Zagreb, die Hauptstadt Kroatiens scheint einen regelrechten Bauboom zu erleben. Besonders am Stadtrand wird überall kräftig gebaut, und auch das Zentrum scheint vor nicht allzu langer Zeit modernisiert worden zu sein. Anderseits findet man noch auf einer der Hauptstrassen in die Stadt hinein Abschnitte mit Kopfsteinpflaster... Nach knapp zwei Tagen in dieser äusserst lebendigen und modernen Grossstadt war ich dann einigermassen geschockt, als ich nur wenig ausserhalb schon durch sehr ärmlich wirkende Bauerndörfer fuhr. Ich folgte auf kleinen Nebenstrassen dem Fluss Sava, der sich in unzähligen Windungen durch das weite Schwemmland schlängelt. Sofort fühlte ich mich in eine völlig andere Welt versetzt. Die Hektik und der Verkehr der Grossstadt lagen bald weit hinter mir, denn nun begegnete ich nur noch äusserst selten einem Auto. Die winzigen Dörfer scheinen langsam auszusterben und zu verfallen, und eine eigenartig bedrückte Stimmung ging von ihnen aus. Die paar wenigen Leute, die ich antraf, waren alle sehr alt und schienen die einzigen verbliebenen Bewohner dieser Gegend zu sein. Nach etwa zwei Tagen Fahrt durch diese Landschaft, die im Sommer ein Paradies für Störche und Reiher sein soll, fand ich mich bald mit einer anderen Realität konfrontiert. Zahlreiche Einschusslöcher in Hauswänden, Häuserruinen und Panzerwracks und sogar gelegentliche Warntafeln bezüglich Minenfelder zeigten unmissverständlich, dass ich mich nun unmittelbar an der bosnisch-kroatischen Grenze befand, die vor einigen Jahren heftig umkämpft war. Traurige Bilder, und trotzdem hat der Alltag schon längst wieder Einzug gehalten, obwohl der Wiederaufbau an vielen Orten einfach stehen geblieben zu sein scheint. Offenbar mangelt es wie meist am Geld, und massive Arbeitslosenzahlen machen das Ganze auch nicht einfacher. An der serbischen Grenze sah es dann noch viel schlimmer aus. Die Kleinstadt Vukovar, malerisch an der Donau gelegen, soll eine der am stärksten zerstörten Ortschaften gewesen sein. Heute wechseln sich Neubauten und Ruinen ab, auch mitten im Stadtzentrum. Die Industrieanlagen und Fabriken am Stadtrand sind alle zerstört und bröckeln seither unangetastet vor sich hin, während der Strassenrand meist von Minenwarnschildern gesäumt ist, da diese zum grössten Teil noch nicht weggeräumt worden sind. Bis dahin und liebe Grüsse an alle! |
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