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02. Reisebericht vom 10.02.06 'Abschied'
N 46º 30' 11'', E 11º 18' 20''

Immer noch finde ich es schwer zu fassen, dass ich nun endlich unterwegs bin! Viel anders als sonst fühlte es sich letzten Sonntag nicht an, als ich mich aufs Velo setzte und endlich losfuhr. Nur die Emotionen waren diesmal ganz anders. Ich war innerlich noch sehr aufgewühlt vom eben erfolgten Abschied von Familie und Verwandten. Sehr zahlreich waren sie erschienen um sich zu verabschieden und mir ihre Glückwünsche mit auf den Weg zu geben. Auch das Bewusstsein, dass ich meine Eltern und meine Schwestern sehr lange Zeit nicht mehr sehen würde, machte die Sache nicht gerade einfacher. Doch eigentlich hatte ich gar nicht viel Zeit zum Nachdenken. Schliesslich musste ich mich auf das Fahren mit dem ungewohnt schweren Gefährt konzentrieren und zudem war da noch mein Götti, der mich ein Stück weit begleitete. Ich war ganz froh darum, denn so konnte ich mich etwas ablenken und kam auf andere Gedanken.

Später als ich alleine unterwegs war, kreisten die Gedanken um alles Mögliche. In erster Linie aber machte sich eine riesige Freude breit, dass meine Reise nun endlich begonnen hatte. Lange hatte ich mich auf diesen Moment gesehnt und darauf hin gearbeitet. Nun besass ich nur noch mein Velo und die mitgeführte Ausrüstung, und noch viel wertvoller, massenhaft Zeit und die volle Freiheit.
Schon 30 km zeigte mein Tachometer an. 'nur noch 19'970 km bis Bangkok...' ging es mir durch den Kopf. Ich musste lachen bei diesem Gedanken. Vor mir lag die Umrundung des halben Erdballs, und schon jetzt Kilometer zählen zu wollen war schlicht absurd.

Unterwegs
Nach einer ersten Nacht im Zelt nahe dem Bodensee ging es anderntags das Rheintal hoch ins Graubünden. Eigentlich eine ideale Strecke zum Einfahren und mich an die ungewohnte Last zu gewöhnen, da das Tal sehr flach ansteigt.
Der tief hängende Nebel und die gleichförmige Strecke liessen aber bald etwas Langeweile aufkommen. Ich kam nur mühsam voran und irgendwie wollte sich der Rhythmus und damit eine angenehme Reisegeschwindigkeit noch nicht so richtig einstellen. Zudem behinderten stellenweise Schnee und Eis auf dem Radweg das Vorwärtskommen massiv, und am Abend konnte ich schon die ersten beiden, glücklicherweise harmlosen Stürze auf dem tückischen Eis verbuchen.

Am folgenden Tag stieg meine Fahrfreude auch nicht besonders, denn nun ging es zum ersten Mal so richtig aufwärts. Vor mir lag der Julierpass und damit etwa 1600 Meter Höhendifferenz. Schon nach kurzer Zeit geriet ich ausser Atem und musste eine Pause einlegen, während ich Gedanken wie 'das schaffe ich niemals!' zu verdrängen versuchte.
Nach einigen Motivationsschüben um die Mittagszeit in Savognin in Form von strahlendem Sonnenschein, einem kalorienhaltigen Picknick mit Blick auf das Getümmel auf der Skipiste und einigen aufmunternden Worten von Passanten ('das ist aber ein tapferer Tourist!') fiel mir das Fahren plötzlich nicht mehr so schwer. Endlich hatte ich zur Langsamkeit und Ruhe gefunden, die für solche Passfahrten nötig ist. Geduld ist es, was solche Abschnitte vom Fahrer verlangen, wenn man in den kleinsten Gängen und schon fast im Schritttempo den Berg hoch kriecht. Schliesslich muss man mit seinen Kräften schonend umgehen wenn sie den ganzen Tag reichen sollen!

Am nächsten Tag zeigte sich deutlich, wie nahe Hochs und Tiefs bei dieser Art des Reisens zusammenliegen können. Hatte ich tags zuvor schon den Eindruck bekommen, mit der mitgeführten Last nicht weit zu kommen, hätte ich jetzt vor Freude laut jubeln können. Dank eines kräftigen Rückenwindes und bei strahlendem Sonnenschein sauste ich zum Erstaunen der zahlreichen Wintersportler schon fast schwerelos das Engadin hinunter und erreichte Zernez in Rekordzeit.
Auch der folgende lang gezogene Aufstieg zum Ofenpass konnte meiner guten Stimmung nichts anhaben. Wegen einer drohenden Schlechtwetterfront mit viel Schnee hatte ich es etwas eilig, über diesen Pass zu kommen und stand so nach Einbruch der Dunkelheit zum zweiten Mal an diesem Tag auf einer Passhöhe. Spätestens jetzt zahlte es sich aus, dass ich relativ viel warme Kleidung und einen schweren Winterschlafsack mit mir herumschleppe. Da ich völlig geschafft war vom Aufstieg, verbrachte ich die Nacht gleich auf der Passhöhe und fuhr erst im Morgengrauen des folgenden Tages durchs Münstertal zur italienischen Grenze hinunter.
Wie überall erregte meine Ankunft am Zoll sogleich einiges Aufsehen. Doch auf die Frage nach meiner Staatszugehörigkeit hin liess mich der Zöllner sogleich passieren. Wenn doch das Zaubersprüchlein 'Jo, i bi Schwiizer' auch an den kommenden Grenzen nur so wirkungsvoll wäre!

Die Fahrt durch das Vintschgau ins Südtirol hinunter war bei dem traumhaften und schon angenehm milden Wetter wiederum der reinste Genuss. Die massigen Berghänge zu beiden Talseiten, schier endlose Obstplantagen und Rebberge sowie zahlreiche sehenswerte Kirchen und Burgen liessen viele Erinnerungen an meine letzte Tour durch diese Gegend vor knapp anderthalb Jahren aufkommen. Eingangs Bozen leuchteten mir schon die Rosengarten- und andere Gipfel der Dolomiten im letzten Abendlicht entgegen, die ich letztes Mal über zahlreiche Pässe durchquert hatte. Ich war froh zu wissen, dass ich an diesem Ort die Gastfreundschaft von Astrid und ihrer Familie in Anspruch nehmen durfte, die ich ebenfalls bei meinem letzten Besuch kennen gelernt hatte. Zudem lege ich heute einen Tag Pause ein, da mir die Beine von den Anstrengungen der vergangenen Tage noch ganz schön schmerzen. Danach geht es dann weiter das Tal hinunter und nach der Durchquerung der Poebene für einen kurzen Abstecher nach Venedig hinunter.

Bis zum nächsten Bericht wird es etwas länger dauern, schliesslich will ich ja euer Interesse nicht zu früh erschöpfen..!

Bis dahin und liebe Grüsse an alle!
Roman
 

   
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